How to 100+Vom Wissen ins Machen.
100+ my way

Mein Weg

Unser Leben ist zu kurz für irgendwann

Die Bucketlist ist mein innerer Kompass, um selbstbestimmte statt zufällige Entscheidungen zu treffen – für ein Leben, das es wert ist, lange gelebt zu werden.

Mein 80jähriges Ich schreibt. An mich. Und an dich.

Brief lesen

Meine Liebe,

ich schreibe dir vom Wasser aus. Es ist früher Abend, das Meer hat diese müde Silberfarbe, die es nur bekommt, wenn der Tag gut war.

Hinter mir wird der Tisch gedeckt — wir sind zu sechst diese Woche, drei alte Freundschaften, zwei jüngere. Wir waren heute Morgen zusammen auf dem Markt, und gleich biegt sich der Tisch unter dem, was wir mitgebracht haben: Fisch, frisch vom Kutter, Gemüse aus der Region, Tomaten, die noch nach Tomaten schmecken. Die Besorgungen am Morgen sind mir fast so lieb geworden wie das Essen am Abend — diese Vielfalt, aus der Genuss wird. Ich bin eine der Ältesten am Tisch. Und morgen früh bin ich die Erste im Wasser. Beides fühlt sich richtig an.

Du willst wissen, ob es sich gelohnt hat. Deshalb schreibe ich dir.

Ja. Aber anders, als du denkst. Nicht die Jahre sind das Geschenk. Es sind Abende wie dieser: dass ich noch gebraucht werde. Dass ich noch neugierig bin. Dass auf dem Tisch neben den Weingläsern schon die Landkarte für den nächsten Frühling liegt — und für den nächsten Jakobsweg.

Du weisst, wie es um uns steht: Ich bin die Letzte von uns. Die Eltern lange gegangen, die Geschwister auch. Patenkinder habe ich, eigene keine — und auch das hat sich gut gefügt, anders, als du damals gedacht hättest. Und trotzdem — ich habe mich an keinem einzigen Abend hier allein gefühlt. Die da oben passen auf, wie immer. Ich spüre sie am deutlichsten am Wasser, und manchmal muss ich darüber lächeln: Wir kommen doch aus dem Wald, du und ich. Bayerischer Wald, Schwarzwald, barfuss auf Moos, lange bevor irgendjemand „Waldbaden" dazu gesagt hat. Im Dorf hat übrigens nie jemand „Sport gemacht" — die Bewegung war einfach der Alltag: zu Fuss zum Bäcker, den Hügel hinauf zur Nachbarin, im Herbst ins Holz. Gut zu Fuss zu sein war keine Leistung, es war eine Selbstverständlichkeit. Ich halte es bis heute so. Ein eigenes Auto habe ich schon lange keins mehr — du erinnerst dich, wie alle den Kopf geschüttelt haben, als du es mit Anfang vierzig abgeschafft hast. Heute schüttelt niemand mehr den Kopf. Wenn ich wirklich eines brauche, rufe ich mir ein autonomes Taxi, und es kommt. Die Welt ist meinen Füssen entgegengekommen.

Meine Hände riechen heute nach Ringelblume. Ich habe nachmittags Salbe gerührt, für Marias rissige Gärtnerhände — nach Grossmutters Rezept, du erinnerst dich: das abgegriffene Heft, die Treben-Kräuter, die Küche, in der es immer nach beidem gleichzeitig roch, nach Sonntagsbraten und nach Tinktur. Sie war die erste Langlebigkeits-Expertin meines Lebens. Sie hat es nur nie so genannt. Sie hätte über das Wort herzlich gelacht.

Papas Satz trage ich immer noch bei mir: Bleib anständig und gib etwas zurück. Deshalb die Salbe. Deshalb erzähle ich den Jüngeren am Tisch, was ich weiss — wenn sie fragen, und nur dann. Und Mamas Satz hat mich überhaupt erst an dieses Ufer gebracht: Bleib neugierig und erkunde die Welt. Du siehst, ich folge den beiden noch immer. Man hört nie auf, das Kind seiner Eltern zu sein. Man wird nur irgendwann alt genug, um dankbar dafür zu sein.

Und jetzt zu dir.

Ich weiss, wo du gerade stehst. Ich war ja dabei. Ich weiss noch, wie du abends auf der Couch warst, die Hand in der Chipstüte, und dachtest: Morgen. Morgen fange ich an. Und ich weiss, was du in diesen Momenten über dich gedacht hast. Undiszipliniert. Zu schwach. Wieder nichts.

Deshalb sage ich dir das eine, das dir damals niemand gesagt hat: Du warst nie undiszipliniert. Du warst normal. In dir hat einfach jemand mitgeredet, der dreihunderttausend Jahre älter ist als du und der es nur gut meinte. Sie ist übrigens mitgekommen, die Alte. Sie liebt das Meer — viel liegen, gutes Essen, Menschen um sich herum, alles nach ihrem Geschmack. Wir haben Frieden geschlossen, sie und ich. Ich musste nur lernen, dass man sie nicht besiegt. Man kennt sie.

Wofür ich dir danke, sind nicht die grossen Entschlüsse. Die hast du selten durchgehalten, und das war in Ordnung. Ich danke dir für die Treppen, die du genommen hast, obwohl der Lift daneben stand — ich merke es an jeder Stufe, die ich heute ohne Geländer gehe. Für die Abende, an denen die Küche um acht zugemacht hat. Für den Anruf bei der Ärztin, den du drei Monate vor dir hergeschoben und dann an einem Dienstag in drei Minuten erledigt hast. Und für die Menschen, die du nicht hast gehen lassen, obwohl das Leben voll war — drei davon sitzen heute Abend an meinem Tisch.

Nichts davon war heldenhaft. Es waren Trampelpfade. Aber weisst du, was aus den besten geworden ist? Autobahnen. Wege, die mich heute tragen, ohne dass ich sie noch denken muss. Genau das war ja der Trick, den du damals verstanden hast — in diesem einen Expertengespräch über das Dopamin, das dein Wendepunkt wurde: dass Gewohnheiten nicht aus Disziplin entstehen, sondern aus Belohnung. Dass du dich nicht ändern musstest. Nur deine Wege.

Und du, die du gerade mitliest — ja, du. Streich meinen Namen über diesem Brief durch und schreib deinen darüber. Such dir dein eigenes Bild: dein Wasser, deinen Tisch, deine Menschen. Halt es fest, so konkret, dass du es riechen kannst. Und dann fang nicht morgen an. Morgen ist der Lieblingstag der Neandertalerin, sie hat ihn praktisch erfunden. Fang klein an. Heute. Eine Sache, so klein, dass es fast lächerlich ist. Es ist nicht lächerlich. Es ist der erste Stein.

Wir warten übrigens nicht auf dich.

Wir gehen dir entgegen.

Deine Achtzigjährige
(die Neunzig fest im Blick)

P.S. Zum Wein gibt es hier abends dunkle Schokolade. Sie schmeckt besser denn je — seit ich sie esse, statt sie zu brauchen.