Den Körper zum Sprechen bringen: Wie Smart Patches vor der Prävention ansetzen
Folge #33 · mit Dr. Agnes Musiol
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Das Wichtigste in Kürze
- Ein Smart Patch klebt auf der Haut und misst kontinuierlich Biochemie – im Schweiss, in der Zellzwischenraumflüssigkeit und sogar im Blut.
- Statt einer Momentaufnahme beim Arzt liefert das Patch einen ganzen Film: kontinuierliche Daten statt punktueller Probe.
- Das Ziel ist es, vor die Prävention zu kommen – Veränderungen erkennen, bevor Symptome entstehen.
- Bei Herzinsuffizienz versterben innerhalb von fünf Jahren nach Diagnose 50 bis 75 Prozent der Menschen – aus Sicht der Expertin oft unnötig.
- Lifestyle-Anwendungen (Sportler, Biohacker, Pflege/Dehydratation) sollen Ende des Jahres kommen, medizinische Use Cases liegen noch rund fünf Jahre in der Zukunft.
- Das Patch ist modular aufgebaut: Das Gehäuse bleibt gleich, nur der Sensor wird je nach Anwendung ausgetauscht.
Apple Watch, Ringe, Gesichtsscans – das Tracking-Angebot wächst. Doch Dr. Agnes Musiol geht einen Schritt weiter: Ihr Smart Patch misst nicht nur Oberflächendaten, sondern echte Biochemie im Schweiss, in der Zellzwischenraumflüssigkeit und sogar im Blut. In dieser Folge erfährst du, was heute schon geht, was noch fünf Jahre dauert – und warum Nicola ihre Meinung zum Tracking am Ende geändert hat.
Was misst ein Smart Patch und wie funktioniert es?
Ein Smart Patch ist wie ein Pflaster mit integrierten Sensoren, das man sich einfach auf die Haut klebt. Es bringt sozusagen das Labor an den Körper – kontinuierlich, ohne dass man selbst etwas tun muss.
Im Schweiss stecken sehr viele Informationen, an die man leicht herankommt, ohne in den Körper hinein zu müssen. Die Sensoren messen dort Parameter, eine abgetrennte Elektronik sendet die Daten ans Smartphone und übersetzt sie.
- Schweiss: Werte wie Kalium, Natrium und pH – wichtig etwa für die Dehydratation.
- Zellzwischenraumflüssigkeit: wird über viele winzige Mini-Nadeln (ein Nadelkissen) gewonnen, die man kaum spürt.
- Blut: über eine spezielle Membran, die die Haut imitiert – eine minimale Wunde wird abgedeckt, der Körper hält die Membran für die eigene Haut.
Was ist der Unterschied zu Apple Watch, Ringen und Gesichtsscans?
Diese Geräte haben laut Agnes durchaus ihre Daseinsberechtigung – sie pushen einen, etwas gesünder zu leben und mehr auf sich zu achten. Agnes selbst trägt einen Ring. Aber sie messen die sogenannten Downstream-Parameter: physiologische Werte, die relativ spät anschlagen.
Sie nutzt das Bild vom Eisberg: Ringe und Watches zeigen die Spitze, das was über dem Wasser liegt. Das Patch zeigt, was unter dem Wasser liegt – wo es wirklich ansetzt und losgeht, sodass man es sofort detektieren kann. Der wirkliche Kern liegt in der Biochemie, und das schafft eine Gesichtsanalyse nicht.
Kann ich das Patch zu Hause selbst nutzen?
Ja – langfristig ist alles für den Heimgebrauch gedacht. Beim Blutmonitoring klebt man das Patch auf, zieht an einer Lasche, dadurch entsteht eine super kleine Wunde, die direkt wieder verschlossen wird.
Wichtig: Alles, was in den Körper geht – also Zellzwischenraumflüssigkeit und Blut – braucht erst die medizinische Zulassung, deshalb dauert es länger. Das Team entwickelt von Anfang an so, dass die Anwendung möglichst leicht ist. Denn Tools, die kompliziert sind, trägt am Ende niemand gern.
Wofür ist das Patch besonders wertvoll – etwa beim Herzen oder in der Pflege?
Die grösste Problematik liegt im Bereich Herz und Kardiologie. Für Menschen, bei denen schon etwas mit dem Herz diagnostiziert ist, kann das Patch wie ein kleiner Schutzengel auf der Schulter sitzen und im frühesten Moment erkennen, wenn sich etwas ändert.
Der Clou: Man ist direkt mit dem Arzt verbunden. Erkennt das Patch etwas, wird über eine Alarmfunktion sofort der Arzt eingeschaltet – und zwar so früh, dass es keine Notfallsituation ist. Man hat Zeit gegenzusteuern. Bei Herzinsuffizienz versterben innerhalb von fünf Jahren nach Diagnose 50 bis 75 Prozent der Menschen – aus Sicht von Agnes oft unnötig.
Ein zweites grosses Thema ist die Dehydratation in Pflegeeinrichtungen. Wie viel jemand wirklich getrunken hat, ist hochindividuell und für Personal schwer zu dokumentieren. Das Patch gibt hier einen direkten Blick in den Körper – ein riesiger Hebel.
Welche Anwendungen sind für die Frauengesundheit geplant?
Agnes nennt das kontinuierliche Hormonmonitoring den heiligen Gral. Hormone sind ein Mysterium: Beim Arzt erwischt man nie den richtigen Zeitpunkt, ein einzelnes Hormonpanel bringt bei einem so dynamischen Parameter kaum etwas.
Gewünscht ist ein Patch, das die Hormone die ganze Zeit misst – am besten kombiniert mit Cortisol als direkter Stressreaktion. Das ist schwierig, weil Hormone in geringer Konzentration vorliegen, aber das Team arbeitet mit Partnern daran. Der Nutzen reicht von Fruchtbarkeit bis Perimenopause.
Macht permanentes Tracking nicht süchtig oder Angst?
Für Agnes ist das ein sehr individuelles Thema. Ihren Vater – einen Hypochonder aus dem Bilderbuch – würde sie kein Wearable in die Hand geben, weil er sonst jede Kleinigkeit überinterpretieren würde. Sie selbst nutzt einen Ring gern, weil er ihr hilft, Signale des Körpers schwarz auf weiss vor Augen zu haben und auch mal die Bremse zu ziehen.
Es gibt nicht die eine gute oder schlechte Technologie – es ist wie alles im Leben sehr individuell. Aktuell braucht man noch die Fähigkeit, Daten selbst einzuordnen. Künftig soll das leichter werden, auch mithilfe von KI. Das Ziel ist nicht, dass Menschen Daten selbst interpretieren, sondern eine Übersetzung in Insights – was bedeutet das für mich und was muss ich ändern.
Wichtig: Smart Patches ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Anwendungen, die in den Körper gehen (Blut, Zellzwischenraumflüssigkeit), sind medizinisch zulassungspflichtig und stehen für den Heimgebrauch noch nicht zur Verfügung. Bei bestehenden Erkrankungen – etwa am Herzen – gehören solche Tools in die Begleitung deiner Ärztin oder deines Arztes. Tracking-Daten solltest du nicht in Eigenregie überinterpretieren; wer zu Übervorsicht oder Selbstoptimierungsdruck neigt, sollte den Einsatz kritisch abwägen.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Standardfrage nach der einen Massnahme für ein gutes, langes Leben antwortet Agnes überraschend nicht-technisch:
„Wir bilden unsere eigene Realität mit unserem Denken und unserem Fokus. Ein Fokus auf Positivität, auf Zuversicht, darauf, dass nicht jeder einem was Böses will und einfach Zusammenarbeit … Da braucht man keine teuren Longevity-Protokolle oder sonstiges, sondern das ist einer der Hebel, die man selber absolut im Griff hat und die einen riesen Effekt haben.“
Nicolas Selbsttest
Ich habe dieses Gespräch wirklich noch mal sacken lassen – und meine Meinung geändert. Hätte ich dieses Dauertracking schon bei meinen Eltern gehabt, hätte ich es mir echt gewünscht. Mein Vater hätte wahrscheinlich sofort zugestimmt, bei meiner Mutter bin ich mir nicht so sicher. Muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, ob einen das eher beruhigt oder einem eher Angst macht.
Für mich bleibt: Permanent getrackt werden will ich nicht. Aber temporär – wenn ich gerade eine Verhaltensänderung anstrebe, mehr Bewegung, andere Ernährung oder weniger Stress – finde ich das eine total gute Lösung. In Verbindung mit jemandem, der mir die Daten erklärt. Und ganz basal beim Trinken im Pflegeheim oder bei Angehörigen zu Hause leuchtet es mir sofort ein.
Die grosse Idee ist für mich das Schutzengelprinzip: Mit zunehmendem Alter würde mein 80-jähriges Ich diesen Patch sofort nehmen. Schon vor einer Erkrankung, vielleicht sogar vor dem ersten Symptom mit dem Arzt besprechen zu können, was ich anders machen kann – das finde ich den Knaller der Zukunft. Das macht mich echt hoffnungsfroh, weil es eine Voraussetzung ist, selbstbestimmter länger zu Hause zu wohnen.
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Stell dir täglich ehrlich die Frage: „Wie geht es mir heute?“ Zwei, drei Minuten ins Reinhorchen investieren – das kostet nichts und bringt oft erstaunliche Erkenntnisse, wie ich aufgestanden bin und wie der Tag verläuft.
Nutze Tracking temporär statt permanent: Trage ein Patch oder Wearable gezielt für einen Zeitraum, in dem du etwas änderst – Ernährung, Bewegung, Stress – und koppel es mit jemandem, der dir die Daten erklärt und Konsequenzen aufzeigt.
Denk das Schutzengelprinzip mit: Sobald medizinische Patches verfügbar sind, lass dich – besonders mit zunehmendem Alter oder bei Herzthemen – kontinuierlich monitoren und direkt mit deiner Ärztin koppeln, um Erkrankungen schon vor dem Symptom gegenzusteuern.
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Häufige Fragen
Was ist ein Smart Patch und wie funktioniert er?
Ein Smart Patch ist ein Pflaster mit integrierten Sensoren, das man sich auf die Haut klebt. Es misst kontinuierlich echte Biochemie – im Schweiss, in der Zellzwischenraumflüssigkeit und sogar im Blut. Eine abgetrennte Elektronik sendet die Daten ans Smartphone und übersetzt sie. So entsteht ein durchgehender Film deiner Gesundheit statt einer einzelnen Momentaufnahme beim Arzt.
Wann gibt es die Smart Patches zu kaufen?
Ein erstes Lifestyle-Produkt, das sich an Sportler und Biohacker richtet, soll Ende des Jahres auf den Markt kommen. Es misst Werte wie Kalium, Natrium und pH im Schweiss, etwa für die Dehydratation. Medizinische Anwendungen, die im Blut oder in der Zellzwischenraumflüssigkeit messen, liegen noch rund fünf Jahre in der Zukunft, weil sie eine medizinische Zulassung brauchen.
Wie unterscheidet sich das Patch von Apple Watch oder Ringen?
Apple Watch, Ringe und Gesichtsscans messen sogenannte Downstream-Parameter, die relativ spät anschlagen – die Spitze des Eisbergs über dem Wasser. Das Patch misst echte Biochemie, also das, was unter dem Wasser liegt, wo eine Veränderung wirklich ansetzt. Dadurch lassen sich Dinge sofort detektieren, statt erst, wenn sie sich schon physiologisch zeigen.
Kann ein Patch beim Herzen Leben retten?
Für herzkranke Menschen kann ein Patch wie ein kleiner Schutzengel wirken: Es erkennt Veränderungen im frühesten Moment und schaltet über eine Alarmfunktion direkt den Arzt ein – so früh, dass es keine Notfallsituation ist. Bei Herzinsuffizienz versterben laut der Expertin innerhalb von fünf Jahren nach Diagnose 50 bis 75 Prozent der Menschen, vielen davon könnte man so helfen.
Tut das Patch weh und geht es in den Körper?
Die Schweiss-Messung geht nicht in den Körper. Für die Zellzwischenraumflüssigkeit nutzt das Patch viele winzige Mini-Nadeln, ein Nadelkissen, das man kaum spürt. Beim Blutmonitoring entsteht über eine Lasche eine super kleine Wunde, die direkt wieder verschlossen wird, abgedeckt von einer speziellen Membran, die die Haut imitiert. Diese körpernahen Anwendungen sind medizinisch zulassungspflichtig.
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