How to 100+Vom Wissen ins Machen.
Planet schützen

Kreislaufwirtschaft: Warum der grösste Hebel an deiner Haustür liegt

Folge #15 · mit Dr. Carsten Ralph Gerhardt

🎧 Lieber hören?

Das Wichtigste in Kürze

Kreislauf statt Wegwerfen – das hält nicht nur den Planeten, sondern auch Unternehmen gesund. Wirtschaftsfachmann Dr. Carsten Gerhardt, Partner bei EY und Gründer von Circular Valley, erklärt, warum unsere Langlebigkeit von gelingender Kreislaufwirtschaft abhängt, wie du Greenwashing erkennst – und verrät eine ebenso einfache wie geniale Idee mit dem grössten Hebel überhaupt.

Was ist Kreislaufwirtschaft – und warum hängt unsere Langlebigkeit davon ab?

Kreislaufwirtschaft bedeutet, Ressourcen möglichst unendlich in Produktion zu halten, ohne ständig neue hinzuzufügen – statt des linearen Modells „take, make, dispose". Das perfekte Vorbild liefert die Natur mit dem Wasser: Es verdunstet über den Meeren, regnet sich an den Bergen ab, fliesst über die Flüsse zu uns, wird genutzt und steigt am Ende wieder auf.

Der Hintergrund ist handfest: Europa ist ein sehr rohstoffarmer Kontinent. Wir tun uns langfristig wirtschaftlich und ökologisch einen grossen Gefallen, wenn wir weniger Abfall produzieren und Dinge im Kreis führen. Kreislaufwirtschaft nützt also der Wirtschaft – und sichert damit auch unsere Lebensgrundlagen.

Warum bewegen sich Unternehmen so langsam in Richtung Kreislauf?

Ein zentrales Problem: In vielen Unternehmen wird eher in Quartalen gedacht als in den langen Zeiträumen, die eine grosse Umstellung der Wirtschaft braucht. Das Grundverständnis für die Notwendigkeit ist meist da, aber die Sofortwirkung bedeutet erst einmal viel Mühe und Kosten.

Hinzu kommt die Arbeitsteilung: Jedes Unternehmen deckt nur einen kleinen Teil der Wertschöpfungskette ab. Schnell heisst es „ich würde ja, aber alle anderen müssen auch". Es fehlt oft derjenige, der das Ganze zusammenbindet – wie ein Orchester ohne Dirigenten, in dem alle gut spielen können, aber niemand den Taktstock schwingt.

Sind Kunden bereit, für nachhaltige Produkte mehr zu zahlen?

Ja – mehr als oft behauptet wird. Sicherlich mehr als die Hälfte der Kunden ist bereit, einen Aufschlag von 5 bis maximal 10 Prozent zu zahlen, wenn ein klarer ökologischer oder sozialer Nutzen damit verbunden ist. Darüber hinaus wird es schwierig – und das ist verständlich.

Das Problem liegt in der Wertschöpfungskette: Ein Mehrwert am Anfang, bei den Materialien, wird oft nicht eins zu eins durchgereicht, sondern auf jeder weiteren Stufe noch einmal beaufschlagt. Beispiel Bio-Baumwoll-Hemd: In der Herstellung kostet es vielleicht 50 Cent mehr – im Laden zahlt man dann aber schnell 20 Euro mehr.

Wie erkenne ich Greenwashing als Verbraucher?

Der wichtigste Tipp: Auf die Zahlen schauen und fragen, wie konsequent eine Aussage ist. Wer auf einer Verpackung „5 % Rezyklatanteil" liest, sollte sich bewusst machen, dass 95 % eben nicht recycelt sind. Lass dich von solchen einstelligen Prozentangaben nicht verführen.

Idealerweise gehen Angaben Richtung 100 % – etwa 100 % Grünstrom oder 100 % rezykliert. Wichtig dabei: Nicht alles muss zwingend recycelt werden. Biobasierte Ausgangsstoffe darf man am Ende auch verbrennen – das ist eine Kreislaufschliessung im grossen Kreislauf der Natur. Auch beim Argument „wir spenden Wälder" lohnt Skepsis: Setzlinge pflanzen reicht nicht, wenn die Bäume später wieder verfeuert werden. Sinnvoll ist Bau- oder Möbelholz, das idealerweise 100 plus Jahre im Einsatz bleibt.

Müssen wir wirklich Wasser sparen?

Hier lohnt sich eine regionale Differenzierung. Mitteleuropa ist ein wasserreicher Kontinent – die Diskussion, die man in Las Vegas oder Los Angeles führen sollte (Wasser von weit her, das in Swimmingpools verdunstet), ist eine andere als bei uns.

Wasser, das wir der Leitung entnehmen, ist nicht weg: Es läuft in die Abwasseranlagen, wird flussabwärts in der nächsten Stadt als Uferfiltrat wieder entnommen, aufgereinigt und wiederverwendet. Industrielle Wasserkreisläufe werden zunehmend geschlossen, und eine vierte und fünfte Reinigungsstufe wird in Abwasserreinigungsanlagen eingeführt. Übertriebene Sparmassnahmen wie wasserlose Urinale führten teils nur zu Rohrfrass – wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Was ist der grösste Hebel für eine gelingende Kreislaufwirtschaft?

Die ebenso einfache wie geniale Idee: Lieferdienste sollten Dinge nicht nur ins Haus bringen, sondern auch wieder mitnehmen. Heute fahren wir in unserer Freizeit selbst zum Altglas-, Altpapier-Container oder Wertstoffhof – oft mit dem Verbrennermotor, was die Umweltbilanz zunichtemacht. Das Empfangen von Waren ist kinderleicht gemacht, das Zurückführen sollte genauso einfach werden.

Dazu gehört auch eine Konsolidierung der Lieferdienste: In Wuppertal zählte Gerhardt über 70 verschiedene Lieferdienste. Ein Beispiel für den Unfug: Hundefutter für drei Hunde, an einem Tag von drei verschiedenen Diensten geliefert. Wie bei Gas, Wasser und Strom auf der „letzten Meile" wäre eine Konsolidierung sinnvoll – das würde Lebensqualität, Verlässlichkeit und Umweltfreundlichkeit steigern. Allerdings müsste man sich dafür mit sehr mächtigen Wirtschaftsspielern anlegen.

Der 100+ Expertentipp

Auf Nicolas 100-plus-Frage nach der einen Massnahme, die besonders zur Langlebigkeit beiträgt, antwortet Dr. Carsten Gerhardt:

„Sehr bewusst und achtsam leben, was unsere Umwelt und die Natur angeht. Das ist mir kürzlich in Japan aufgefallen, einem der Länder mit der höchsten Lebenserwartung – geprägt durch grosse gegenseitige Rücksichtnahme und eine besondere Rücksichtnahme auf die Natur. Man sieht kaum Mülleimer im öffentlichen Raum, trotzdem liegt kein Müll herum."

Nicolas Selbsttest

Ich hasse Lieferservice – das kann ich wirklich so dramatisch sagen, weil ich finde, es ist ein System der modernen Sklaverei. Und letztlich hält uns das Liefern davon ab, selbst in Bewegung zu kommen. Aber die Idee, den Lieferservice dazu zu nutzen, auch wieder mitzunehmen und so den Kreislauf in Gang zu bekommen – mit unserer Bequemlichkeit –, finde ich echt genial.

Was mein Reiseherz berührt hat, ist die Erfahrung mit der Achtsamkeit in Japan. Die Japaner machen Picknick unter blühenden Kirschbäumen und nehmen ihren Müll wieder mit. Auf den Düsseldorfer Rheinwiesen ist es leider umgekehrt: Stühle, Tische, Grills – alles wird mitgebracht, aber der Müll bleibt liegen. Es ist mir ein Rätsel, wie man das tun kann.

Beim Wasser bin ich Verfechterin von Leitungswasser – es ist so gut kontrolliert und aufbereitet, dass kein Mikroplastik mehr drin ist, während selbst Mineralwasser in Glasflaschen hohe Rückstände zeigt. Mein Sommer-Tipp: viel Wasser und lauwarmer Tee, weniger Alkohol und süsse Limo. Und Schatten suchen, Hut mit breiter Krempe, weite helle Kleidung wie die Beduinen und Sonnencreme mit Faktor 50 wirklich dick auftragen.

Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen

Quick Win

Beim Einkaufen auf die Zahlen achten: Lass dich nicht von „5 % Rezyklat" verführen, sondern bevorzuge Produkte mit hohem oder 100-%-Anteil – und trenne deinen Müll sauber für die Tonnen.

bündeln & koppeln

Lieferdienste reduzieren und bündeln: Bestell bewusster, nutze weniger verschiedene Anbieter und gib Verpackungen oder Altstoffe zurück, wo es bereits angeboten wird.

next Level

Bei der nächsten (Kommunal-)Wahl auf Mobilitäts- und Kreislaufkonzepte achten – etwa Rückführsysteme über Lieferdienste auf der letzten Meile.

Weiterhören

Häufige Fragen

Was bedeutet Kreislaufwirtschaft einfach erklärt?

Kreislaufwirtschaft bedeutet, Ressourcen möglichst unendlich in Produktion zu halten, statt nach dem Muster „herstellen, nutzen, wegwerfen" zu wirtschaften. Vorbild ist die Natur: Beim Wasser verdunstet es, regnet ab, fliesst zu uns, wird genutzt und steigt wieder auf. Ziel ist es, weniger Abfall zu produzieren und Stoffe wiederzuverwenden.

Lohnt sich Wassersparen in Mitteleuropa überhaupt?

Laut Dr. Gerhardt ist Mitteleuropa ein wasserreicher Kontinent mit einem gut funktionierenden Wasserkreislauf. Entnommenes Wasser ist nicht weg, sondern wird flussabwärts wieder aufgereinigt und genutzt. Übertriebene Sparmassnahmen wie wasserlose Urinale haben teils nur Schaden angerichtet. Die Wasserspar-Diskussion ist in Trockenregionen wie Las Vegas wichtiger als bei uns.

Wie erkenne ich Greenwashing bei Produkten?

Achte auf die Zahlen und die Konsequenz der Aussage. „5 % Rezyklatanteil" heisst, dass 95 % nicht recycelt sind. Glaubwürdiger sind Angaben Richtung 100 %, etwa 100 % Grünstrom oder 100 % rezykliert. Auch bei „wir spenden Wälder" lohnt Skepsis, wenn nicht sichergestellt ist, dass die Bäume gepflegt und langfristig genutzt werden.

Zahlen Kunden für Nachhaltigkeit mehr?

Ja, mehr als oft angenommen. Über die Hälfte der Kunden ist bereit, einen Aufschlag von 5 bis maximal 10 Prozent zu zahlen, wenn ein klarer ökologischer oder sozialer Nutzen besteht. Darüber hinaus wird es schwierig – auch weil Mehrkosten in der Wertschöpfungskette oft auf jeder Stufe noch einmal beaufschlagt werden.

Was wäre der grösste Hebel für die Kreislaufwirtschaft?

Lieferdienste, die Waren nicht nur ins Haus bringen, sondern auch Altstoffe und Verpackungen wieder mitnehmen – kombiniert mit einer Konsolidierung auf wenige, verlässliche Dienste. So würde das Zurückführen genauso einfach wie das Empfangen. Das steigert Lebensqualität, Verlässlichkeit und Umweltfreundlichkeit, braucht aber politische Regelungen.

Vom Wissen ins Machen.

Und so wird mein Weg auch zu deinem Weg:

Online-Kurs · 100+ FormelIn 5 Tagen vom Wissen ins Machenschau rein ins Webinar:Hol dich mit System selbst von der Couch!
Lädt…