Hörgesundheit als Longevity-Faktor: Warum ein Hörtest ab 50 dein Gehirn schützt und Stürze halbiert
Folge #31 · mit Dr. Stefan Zimmer
🎧 Lieber hören?
Das Wichtigste in Kürze
- Über 10 % der deutschen Bevölkerung leben mit einer Hörminderung – und über ein Drittel hat noch nie einen Hörtest gemacht.
- Hörgeräte können das Risiko von Stolper-, Rutsch- und Sturzunfällen um rund 50 % reduzieren, weil das Gleichgewichtsorgan im Innenohr sitzt.
- Eine unbehandelte Schwerhörigkeit im mittleren Lebensalter ist einer der grössten beeinflussbaren Risikofaktoren für eine spätere Demenz – laut Lancet-Kommission auf dem Niveau eines hohen LDL-Cholesterins.
- Die ACHIEVE-Studie der Johns Hopkins University zeigt: Bei gefährdeten Menschen verlangsamt das Tragen von Hörgeräten den kognitiven Abbau um bis zu 48 % über drei Jahre.
- Die Presbyakusis (Altersschwerhörigkeit) beginnt etwa ab dem 50. Lebensjahr – ein erstes Anzeichen ist Höranstrengung in lauten Umgebungen wie Restaurants.
- Moderne Hörsysteme sind klein, fast unsichtbar und mit Zusatzfunktionen wie Sturzerkennung, Schrittzähler und Störschall-Ausblendung ausgestattet.
Hören ist ein Longevity-Thema, das die wenigsten auf dem Schirm haben – und genau das wird oft zum Problem. Im Gespräch mit Dr. Stefan Zimmer, Vorsitzender des Bundesverbands der Hörsystemindustrie, geht es darum, warum sich ein Hörtest ab 50 lohnt, welche überraschend starken Evidenzen es zu Sturzgefahr und Demenz gibt und wie diskret und smart Hörgeräte heute sind. Du nimmst mit: einen einfachen ersten Schritt – und gute Gründe, ihn nicht aufzuschieben.
Wann sollte ich anfangen, mich um meine Hörgesundheit zu kümmern
Oft merkst du selbst gar nicht, dass dein Hören nachlässt – es ist der Partner oder die Partnerin, die hellhörig werden, weil du den Fernseher immer lauter drehst. In Eins-zu-eins-Gesprächen fällt es kaum auf, weil du unbewusst von den Lippen abliest. Schwierig wird es in Gruppengesprächen, am Telefon oder bei Störgeräuschen.
Ein klassischer Test ist die laute Kneipe: Wenn es mit Mitte 50 abends im Restaurant anstrengend wird, Gespräche gegen Geschirrklappern und Gläserklirren zu verstehen, ist das ein guter Anlass, hellhörig zu werden. Diese Höranstrengung nimmt zu, je mehr sich die Sinneszellen im Innenohr altersbedingt abnutzen.
Was ist Presbyakusis und ist Altersschwerhörigkeit gefährlich
Die Presbyakusis ist die Schwerhörigkeit im Alter und beginnt etwa ab dem 50. Lebensjahr. Trotz des lateinischen Namens ist sie zunächst nichts Schlimmes, sondern eine normale Abnutzungserscheinung: Die Beweglichkeit der Sinneszellen im Innenohr nimmt mit der Zeit ab.
Viele glauben, Hören habe nur mit dem äusseren Gehörgang zu tun. Tatsächlich entsteht Altersschwerhörigkeit im Innenohr. Wichtig: Es gibt verschiedene Arten von Schwerhörigkeit – manche hängen mit einer Verknöcherung des Gehörgangs oder einer Erkrankung zusammen. Deshalb sollte ein auffälliger Befund immer ärztlich abgeklärt werden.
Wo mache ich einen Hörtest und was kostet er
Du hast zwei gute Anlaufstellen: den HNO-Arzt und den Hörakustiker. Beim HNO-Arzt bekommst du gleich eine Diagnose dazu, falls etwas vorliegt. Hörakustiker findest du fast überall – die kleinen Fachgeschäfte in jeder Einkaufsstrasse sind genau das. Es gibt in Deutschland deutlich mehr Hörakustiker als HNO-Ärzte.
Wer so ein Fachgeschäft betreibt, muss Hörakustikmeister sein – mit Ausbildung und Meisterschule, denn ein schlecht angepasstes Hörgerät kann das Resthören schädigen. Die zentrale Ausbildungsstätte in Lübeck zählt zu den weltweit führenden. Ein kurzes Hörscreening kostet beim Akustiker unter 100 Euro – viele bieten es sogar kostenlos an. Eine bundesweite Suche findest du auf ihrhörgerät.de.
Wie hängen Hörgeräte mit weniger Stürzen zusammen
Stolper-, Rutsch- und Sturzunfälle sind die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfälle in Europa und nehmen mit dem Alter deutlich zu. Der Grund für den Zusammenhang mit dem Hören: Das Gleichgewichtsorgan (der vestibuläre Apparat) sitzt direkt im Innenohr, rund um die Hörschnecke. Eine Schwerhörigkeit geht deshalb oft mit einem gestörten Gleichgewicht einher.
Randomisierte Studien nach Goldstandard zeigen: Gerade bei älteren Menschen kann das Tragen von Hörsystemen das Risiko von Stürzen um rund 50 % reduzieren. Hinzu kommt das Richtungshören im Strassenverkehr: In der EuroTrak-Befragung von rund 950.000 Menschen in 18 Ländern sagen 73 bis 75 %, dass sie sich mit Hörgeräten sicherer fühlen – als Fussgänger wie als Rad- oder E-Bike-Fahrer.
Schützt ein Hörgerät vor Demenz
Die Lancet-Kommission (Ausgabe 2024) stuft eine unbehandelte Schwerhörigkeit im mittleren Lebensalter als einen der grössten modifizierbaren Risikofaktoren für eine spätere Demenz ein – in der gleichen Grössenordnung wie ein hoher LDL-Cholesterinwert. Wichtig: Einen klaren, belegten kausalen Zusammenhang gibt es noch nicht, eine solche Langzeitstudie wäre ethisch kaum durchführbar.
Die ACHIEVE-Studie der Johns Hopkins University untersuchte den Zusammenhang zwischen Älterwerden und kognitivem Leistungsabfall. Ergebnis: Bei Menschen, die zu kognitivem Abbau neigen, wird dieser durch das Tragen von Hörgeräten um bis zu 48 % über drei Jahre verlangsamt. Die Erklärung ist plausibel: Wenn von den Ohren kein Futter mehr kommt, fehlt dem Gehirn das Training – die Neuroplastizität nimmt ab.
Wie klein und smart sind moderne Hörgeräte heute
Vergiss die alte, hautfarbene Banane hinterm Ohr. Moderne Hörsysteme sind so klein, dass man sie kaum sieht – als In-Ohr-Geräte oft nur an einem dünnen, durchsichtigen Drähtchen erkennbar, oder als dezente Hinter-dem-Ohr-Variante, versteckt wie ein Brillenbügel. Sie gibt es in Weiss, Schwarz, Titan, Pink oder mit Sternchen – du kannst sie verstecken oder bewusst zeigen.
- Störschall ausblenden: Per KI fokussiert das Gerät automatisch auf die Person vor dir – ideal auf Messen oder Kongressen.
- Bioparameter tracken: Schrittzähler, Blutdruckmessung und mehr direkt am Ohr.
- Sturzerkennung: Über eine App kann ein Sturz erkannt und eine Notrufzentrale informiert werden.
- Konnektivität: Telefonate, Fernseher und HiFi-Anlage direkt im Hörgerät, dazu Windgeräuschunterdrückung.
- Ausblick: Vollständig unter der Haut implantierbare, unsichtbare Lösungen sind in Entwicklung.
Die Krankenkasse finanziert derzeit eine mehrjährige Hörversorgung samt Hörgerät – auch aufzahlungsfreie Geräte stehen zur Auswahl. Welches Gerät zu dir passt, ist sehr individuell: Zwei Menschen mit fast identischer Schwerhörigkeit wählen oft zwei verschiedene Geräte, weil sie unterschiedlich hören wollen. Genau das fein abzustimmen, ist die Kunst des Hörakustikers.
Wichtig: Ein auffälliges Ergebnis beim Online- oder Akustiker-Hörtest gehört immer ärztlich abgeklärt – am besten beim HNO-Arzt. So lässt sich ausschliessen, dass hinter der Schwerhörigkeit etwas anderes als eine gut behandelbare Schallempfindungsschwerhörigkeit steckt, etwa eine Verknöcherung oder eine Erkrankung. Hörgeräte sollten nur von ausgebildeten Hörakustikmeister:innen angepasst werden, da ein schlecht eingestelltes Gerät das Resthören schädigen kann. Achte ausserdem auf die Lautstärke bei In-Ear-Kopfhörern – die WHO sieht hier ein erhöhtes Risiko für Freizeitlärm-Schwerhörigkeit bei jungen Menschen.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Standardfrage nach der einen Massnahme, die uns besser älter werden lässt, antwortet Dr. Stefan Zimmer:
„Dann ist es das gesetzliche Hörscreening ab dem 50. Lebensjahr, was als Kassenleistung angeboten werden sollte, damit noch mehr Menschen in die Aktivität versetzt werden. … Gesetzliches Ohr-Screening ab dem 50. Lebensjahr ist ein riesen Game-Changer für viele Menschen."
Nicolas Selbsttest
Ich erinnere noch, wie ich meinen Sehverlust realisiert habe – am Ende meines Studiums, als ich von den Hinterbänken plötzlich ganz vorne in der ersten Reihe gelandet bin. Genauso schleichend kommt der Hörverlust. Spätestens wenn der Fernseher so laut gedreht wird, dass sich andere beschweren, sollte man in die Vorsorge gehen.
Die Evidenzen haben mich sprachlos gemacht: dass jeder zweite Sturzunfall vermeidbar wäre und dass Hörverlust der am einfachsten beeinflussbare Demenz-Risikofaktor ist. Das macht Sinn – wenn von den Ohren kein Futter mehr kommt, fehlt dem Gehirn das Jogging und die Neuroplastizität nimmt ab.
Bei meiner Mutter habe ich erlebt, wie lange so ein Verlust unbemerkt bleibt – sie sprach beim Sehen immer von „Nebel", erst später wurde uns das Glaukom klar. So weit muss es nicht kommen, wenn man sensibler hinschaut: bei sich selbst und bei den älteren Menschen im Umfeld. Ich werde meinen Hörtest um die Ecke machen und über die Hightech-Anwendungen berichten.
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Geh zum Hörtest beim Hörakustiker in deiner Einkaufsstrasse – meiner war kostenlos – und sichere dir einen Referenzwert. Reduziere ausserdem die Dauerbeschallung über In-Ear-Kopfhörer, besonders bei hoher Lautstärke.
Koppel Hörgesundheit mit dem, was du ohnehin tust: ohrfreundliche, durchblutungsfördernde Ernährung, Entspannungstechniken gegen Stress und Spaziergänge bewusst im Wald statt durch die laute Stadt.
Nutze – etwa bei einem diagnostizierten Hörverlust – die smarten Zusatzfunktionen moderner Hörsysteme: Tracking von Schritten und Blutdruck, automatische Sturzerkennung mit Notruf und das gezielte Ausblenden von Störschall auf Kongressen.
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Häufige Fragen
Ab welchem Alter sollte ich einen Hörtest machen
Die Altersschwerhörigkeit (Presbyakusis) beginnt etwa ab dem 50. Lebensjahr. Spätestens dann lohnt sich ein erster Hörtest, idealerweise als Referenzwert. Ein gutes Alltagssignal ist Höranstrengung in lauten Umgebungen wie Restaurants. Auch jüngere Menschen können testen lassen, besonders bei viel Freizeitlärm.
Wo kann ich einen Hörtest machen und was kostet er
Du kannst zum HNO-Arzt oder zum Hörakustiker in deiner Einkaufsstrasse gehen. Ein kurzes Hörscreening beim Akustiker kostet unter 100 Euro, viele bieten es sogar kostenlos an. Eine bundesweite Akustiker-Suche findest du auf ihrhörgerät.de. Bei einem auffälligen Ergebnis solltest du den HNO-Arzt aufsuchen.
Können Hörgeräte vor Stürzen schützen
Ja. Weil das Gleichgewichtsorgan im Innenohr sitzt, geht Schwerhörigkeit oft mit Gleichgewichtsproblemen einher. Studien nach Goldstandard zeigen, dass Hörgeräte das Sturzrisiko bei älteren Menschen um rund 50 % senken können. Zusätzlich verbessern sie das Richtungshören im Strassenverkehr.
Schützen Hörgeräte vor Demenz
Eine unbehandelte Schwerhörigkeit gilt laut Lancet-Kommission als einer der grössten beeinflussbaren Demenz-Risikofaktoren – auf dem Niveau eines hohen LDL-Cholesterins. Die ACHIEVE-Studie der Johns Hopkins University zeigt, dass Hörgeräte den kognitiven Abbau bei gefährdeten Menschen um bis zu 48 % über drei Jahre verlangsamen. Ein klar belegter kausaler Zusammenhang steht aber noch aus.
Sind moderne Hörgeräte sichtbar
Kaum. In-Ohr-Geräte sind oft nur an einem dünnen, durchsichtigen Drähtchen erkennbar, Hinter-dem-Ohr-Geräte verstecken sich wie ein Brillenbügel. Es gibt sie in vielen Farben und Designs – du kannst sie verstecken oder bewusst zeigen. Zusätzlich bieten sie smarte Funktionen wie Sturzerkennung, Tracking und Störschall-Ausblendung.
Und so wird mein Weg auch zu deinem Weg:

