Männer, Frauen und Krebs: Warum zwei X-Chromosomen ein Vorteil sind – und wie Männer aufholen
Folge #22 · mit Dr. Andrea Kindler-Röhrborn
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Das Wichtigste in Kürze
- Männer haben das 1,7-fache Risiko, an Krebs zu erkranken – das hat sowohl genetische als auch lebensstilbedingte Ursachen.
- Frauen besitzen zwei X-Chromosomen und damit eine zweite Genkopie als „Ersatzreifen“, wenn ein Gen mutiert – Männer haben beim X-Y-Chromosom diesen Schutz nicht.
- Bis zu 50 % aller Krebserkrankungen wären komplett vermeidbar – durch Vorsorge und einen besseren Lebensstil.
- Mit 70 haben Frauen noch rund 19 Jahre, Männer nur rund 14 Jahre Lebenserwartung – eine Diskrepanz von fünf Jahren.
- Männer können durch Lebensstil am meisten gewinnen, auch wenn der genetische Vorteil der Frauen bleibt.
- Adipositas zählt zu den Top-Risikofaktoren für Krebs – ebenso wie Rauchen und Alkohol.
Männer haben das 1,7-fache Risiko, an Krebs zu erkranken – eine Zahl, die Nicola berührt hat. In dieser Folge spricht sie mit der Krebsforscherin Dr. Andrea Kindler-Röhrborn über die rein biologischen Unterschiede zwischen XX und XY. Du erfährst, warum Frauen genetisch im Vorteil sind, warum Männer durch Vorsorge und Lebensstil am meisten gewinnen können – und welche kleinen Schritte schon einen grossen Unterschied machen.
Warum haben Männer ein höheres Krebsrisiko als Frauen?
Der erste Grund liegt in den Chromosomen. Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Geht bei einer Frau ein bestimmtes Gen auf einem X-Chromosom verloren oder mutiert, hat sie immer noch die zweite Kopie auf dem anderen X-Chromosom. Männer haben diese zweite Kopie nicht – sie fahren ohne Ersatzreifen.
Dr. Kindler-Röhrborn ist auf diesen Effekt durch Tierversuche gestossen: Männlichen und weiblichen Ratten wurden krebsauslösende Substanzen gespritzt. Die männlichen Tiere starben nach relativ kurzer Zeit, während die weiblichen munter weiterlebten – manche überlebten komplett. Diese Beobachtung führte zu ihrer Forschung über Geschlechterunterschiede in der Krebsentstehung.
Wichtig zu verstehen: Der Unterschied steckt in jeder einzelnen Zelle des Körpers – ob im Ohrläppchen oder in der Leber. Früher dachte man, Geschlechterunterschiede machten nur im Reproduktionstrakt etwas aus. Das ist keineswegs so.
Welche Rolle spielen die Hormone?
Neben den Chromosomen spielen die Hormone eine grosse Rolle. Das weibliche Hormon Östrogen hat sehr viele Auswirkungen, von denen Männer deutlich weniger haben. Umgekehrt haben Frauen viel weniger Testosteron als Männer.
Die Ausprägung vieler Gene ist hormonabhängig – sowohl beim Mann als auch bei der Frau. Daraus ergeben sich zusätzliche Unterschiede in der Anfälligkeit für Krankheiten.
Liegt der Unterschied wirklich nur an den Genen?
Nein. Die Unterschiede liegen nicht nur in Genen und Chromosomen, sondern haben auch sehr viel mit dem Lebensstil zu tun. Der Lebensstil von Frauen und Männern ist oft sehr unterschiedlich.
- Berufsbedingte Risiken: Männer arbeiten häufiger manuell – man denke an Dachdecker, die früher mit Asbest gearbeitet haben.
- Höhere Risikobereitschaft und vergleichsweise häufigere Suizide.
- Genussmittel: Rauchen und Alkohol – wobei Frauen beim Rauchen aufholen.
- Ernährung und Bewegung als weitere wichtige Faktoren.
All das verkürzt die Lebensdauer zusätzlich. Die gute Nachricht: Genau hier liegt der grosse Hebel, den jeder selbst in der Hand hat.
Warum sind Frauen evolutionär auf ein längeres Leben angelegt?
Evolutionär betrachtet bekamen Frauen die Kinder und mussten entsprechend lange für sie da sein. Selbst nach der Menopause leben Frauen länger, weil sie sich kümmern müssen – während Männer, rein evolutionär gesehen, nicht mehr in gleicher Weise benötigt wurden.
Ein Rechenbeispiel: Bekommt eine Frau mit 43 noch ein Kind, muss sie es im günstigen Fall mindestens bis 18 begleiten können – dann ist sie schon über 70. Männer können dagegen auch mit 85 noch Kinder zeugen, was sie evolutionär „weniger schützenswert“ macht.
Dr. Kindler-Röhrborn betont ausdrücklich: Heute werden Männer selbstverständlich überall gebraucht, und die geteilte Care-Arbeit ist eine wunderbare Wende der letzten 10 bis 15 Jahre. Die evolutionäre Logik bleibt davon unberührt.
Wie viel können Männer durch ihren Lebensstil aufholen?
Die genetischen Unterschiede bleiben – daran kann man nichts drehen. Aber Männer können sehr viel mehr Lebensspanne herausholen als Frauen, wenn sie an ihrem Lebensstil arbeiten. Frauen werden wegen der chromosomalen Unterschiede wahrscheinlich trotzdem die Längerlebigen bleiben.
Das gilt nicht nur für Krebs: Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Rauchen und Alkohol Gift. Wer diese Dinge weglässt, kann als Mann wesentlich länger leben.
Welche Vorsorgeuntersuchungen sollte man wirklich wahrnehmen?
Die wichtigste Ableitung aus der Forschung: Männer sollten viel mehr zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Viele Untersuchungen werden von den Krankenkassen bezahlt, doch gerade Männer nehmen sie schlecht wahr – obwohl ihr Risiko grösser ist.
- Darmspiegelung: in der Regel ab 50–55 Jahren – nur rund 20 % der Menschen über 50 nehmen sie wahr, dabei können Polypen entfernt werden, bevor überhaupt Krebs entsteht.
- Hautkrebs-Screening: besonders wichtig bei vielen Muttermalen oder sonnenempfindlicher Haut.
- Brustkrebs-Vorsorge: für Frauen schon ab etwa 25 Jahren möglich.
- Prostata-Untersuchung: für Männer, vermutlich ab 50.
Eine Darmspiegelung dauert nur 10 bis 15 Minuten und ist auch ohne Narkose möglich. Der einzige Aufwand ist ein Fastentag zur Vorbereitung – der dem ganzen Körper guttut.
Was ist die wichtigste Massnahme für ein langes, gesundes Leben?
Die eine Kern-Empfehlung lautet: So früh wie möglich darüber nachdenken, was man später nicht haben möchte. Das bedeutet nicht, ein karges Leben ohne Spass zu führen – es geht um Einschränkung, nicht um Verzicht.
Man wundert sich, wie klein die Schritte in Wirklichkeit sind: mässige Bewegung statt Marathon, eine vernünftige Ernährung, Rauchen lassen und Alkohol einschränken. Schon 40-Jährige fragen heute aktiv, was sie tun können – ein erfreulicher Wandel.
Wichtig: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Vorsorgeuntersuchungen und Fragen zu deinem persönlichen Krebsrisiko besprichst du am besten mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Wenn du Symptome bemerkst oder zu einer Risikogruppe gehörst, warte nicht auf den nächsten Regeltermin, sondern lass dich frühzeitig untersuchen.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Frage nach der einen wichtigsten Massnahme für ein langes, gesundes Leben antwortet Dr. Kindler-Röhrborn:
„So früh wie möglich darüber nachdenken, was man später nicht haben möchte. Und da denke ich als allererstes an die Genussmittel, an Rauchen und Trinken. Das heisst wirklich nicht, dass man ein völlig eingeschränktes Leben ohne Spass führen muss. Man wundert sich, wie klein die Schritte sind, die man in Wirklichkeit machen muss.“
Nicolas Selbsttest
Mich lässt die Zahl, dass bis zu 50 Prozent aller Krebserkrankungen eigentlich vermeidbar wären, einerseits sprachlos zurück – andererseits steckt darin so viel Hoffnung. Wir Frauen haben durch die Chromosomenlage einen klaren Vorteil, über den wir uns ruhig mal freuen dürfen. Aber ich finde fast schöner, dass die Männer am meisten zu gewinnen haben, wenn sie sich auf den Weg machen – liebevoll gepusht von uns, die wir aus dem ‚Kümmer-Gen‘ heraus oft ohnehin schon an die Gesundheit denken.
Ich nehme vor allem vier Dinge mit: den genetischen Vorteil der Frauen, die enorme Bedeutung der Vorsorge – darum nochmal mein Appell, kümmert euch um eure Darmspiegelung –, den Lebensstil mit weniger Rauchen und Alkohol, und dass man es nicht übertreiben muss. Schon jedes Glas weniger hilft.
Zum Schluss ein ganz persönliches Beispiel: Mein Vater hat mit Anfang 60 nach einem Gespräch mit seinem Arzt von heute auf morgen das Rauchen aufgegeben, weniger Bier getrunken, seinen Fleischkonsum reduziert und seinen Gemüsegarten gepflegt. Seine Karotte war eine grosse Reise-Bucketlist, die er unbedingt noch erleben wollte – und das hat er. Ich bin überzeugt, er hat seinem Leben nochmal zehn gute Jahre abgetrotzt. Für mich ist das eine Riesenmotivation: Es ist egal, wann du es schaffst – du darfst dich über jede Änderung freuen.
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Reduziere bei den Genussmitteln in kleinen Schritten – ein Glas Alkohol weniger oder eine Zigarette weniger zählt schon. Du musst nichts übertreiben, jede Einschränkung bringt dich nach vorne.
Trage deine kassenfinanzierten Vorsorgetermine fest in den Kalender ein und koppele sie an feste Anlässe – etwa die Darmspiegelung ab 50, Hautkrebs-Screening und je nach Geschlecht Brust- oder Prostata-Vorsorge.
Frag dein 80-jähriges Ich: Was möchtest du später nicht haben – und wie willst du leben? Mach dir schon in jungen Jahren Gedanken und baue Bewegung, eine pflanzenbetonte Ernährung und Regeneration dauerhaft in deinen Alltag ein.
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Häufige Fragen
Warum haben Männer ein höheres Krebsrisiko als Frauen?
Männer haben das 1,7-fache Risiko, an Krebs zu erkranken. Ein wesentlicher Grund sind die Chromosomen: Frauen besitzen zwei X-Chromosomen und damit eine zweite Genkopie als Reserve, falls ein Gen mutiert. Männer haben beim X-Y-Chromosom diesen Schutz nicht. Hinzu kommen lebensstilbedingte Faktoren wie gefährlichere Berufe, höhere Risikobereitschaft, Rauchen und Alkohol.
Wie viel länger leben Frauen als Männer?
Geht man von einer 70-jährigen Person aus, haben Männer im Durchschnitt noch eine Lebenserwartung von rund 14 Jahren, Frauen von rund 19 Jahren. Das ist eine Diskrepanz von etwa fünf Jahren. Es handelt sich jeweils um Durchschnittswerte, die sich über die Zeit verändern.
Wie viele Krebserkrankungen sind vermeidbar?
Nach Aussage der Krebsforscherin Dr. Kindler-Röhrborn wären bis zu 50 Prozent aller Krebserkrankungen komplett vermeidbar. Das hängt vor allem mit Genussmitteln wie Rauchen und Alkohol sowie mit Übergewicht zusammen. Auch zu wenig genutzte Vorsorgeangebote spielen eine grosse Rolle.
Welche Krebsvorsorge zahlt die Krankenkasse?
Viele Vorsorgeuntersuchungen werden von den Krankenkassen übernommen, etwa die Darmspiegelung (meist ab 50–55 Jahren), das Hautkrebs-Screening, die Brustkrebs-Vorsorge für Frauen (möglich ab etwa 25) und die Prostata-Untersuchung für Männer (vermutlich ab 50). Gerade Männer nehmen diese Angebote oft zu selten wahr, obwohl ihr Risiko höher ist.
Muss ich meinen Lebensstil komplett umkrempeln, um länger zu leben?
Nein. Dr. Kindler-Röhrborn betont, dass die nötigen Schritte überraschend klein sind. Es geht um Einschränkung, nicht um kompletten Verzicht – mässige Bewegung statt Marathon, eine vernünftige Ernährung, weniger Rauchen und Alkohol. Schon jede kleine Veränderung verbessert die Aussicht auf ein längeres, krankheitsfreies Leben.
Und so wird mein Weg auch zu deinem Weg:

