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Weniger, weniger oft essen

Welches Gewicht trägt uns am längsten? Warum Selbstdisziplin oft nicht reicht – und was wirklich hilft

Folge #26 · mit Dr. Ansgar Röhrborn

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Das Wichtigste in Kürze

Alle Jahre wieder das gleiche Thema: ein paar Kilo verlieren – und sie auch halten. In dieser Folge spricht Nicola mit dem Adipositas-Experten Dr. Ansgar Röhrborn darüber, welches Körpergewicht uns am längsten gesund durchs Leben trägt. Du erfährst, warum dauerhaftes Abnehmen so schwer ist, warum es eben nicht nur an Selbstdisziplin liegt und was die Abnehmspritze wirklich kann. Am Ende kannst du womöglich versöhnter auf dein Hüftgold blicken.

Welches Körpergewicht lässt uns am längsten leben?

Zwischen Übergewicht, Normalgewicht und Adipositas Grad 1 ist der Unterschied bei der Lebenserwartung erstaunlich klein. In sehr grossen Untersuchungen mit sechsstelligen Patientenzahlen schienen Übergewichtige sogar etwas länger zu leben als Normalgewichtige.

Dieser Effekt hat aber einen systematischen Fehler: In den Daten waren Raucher enthalten, und Raucher sind tendenziell schlanker. Rechnet man sie heraus, leben die Normalgewichtigen länger – nur dürfen Statistiker eine Gruppe von rund 25 % der Bevölkerung nicht einfach herausrechnen.

Klar ist hingegen: Ab Adipositas Grad 2 und 3 wird das Gewicht eindeutig lebenszeitbegrenzend. Für das einzelne Individuum spielen bis Grad 1 das genetische Risiko und der Lebensstil eine viel grössere Rolle als das Gewicht selbst.

Warum ist Bauchfett gefährlicher als Hüftgold?

Entscheidend ist nicht, wie viel Fett du hast, sondern wo es sitzt. Das viszerale Fett im Bauchraum, zwischen den Organen, ist das gesundheitlich riskante Fett – Fett unter der Haut oder an den Hüften spielt eine deutlich geringere Rolle.

Niemand ist heimlich fett im Bauch und sieht von aussen schlank aus. Solche Menschen haben schlanke Beine, Arme und einen schlanken Brustkorb, aber einen vorgewölbten, kugeligen Bauch. So erkennst du den Unterschied:

Das viszerale Fett greift in den Hormonstoffwechsel ein und bildet Entzündungsstoffe, die man weder merkt noch sieht, aber im Körper nachweisen kann. Männer sind häufiger davon betroffen und damit gesundheitlich stärker gefährdet.

Warum ist es so schwer, abgenommenes Gewicht zu halten?

Es ist allgemeiner Konsens, dass durch reine Diätmassnahmen dauerhaft praktisch nicht mehr als 5 Kilo bzw. 5 % möglich sind. Selbst das aufwändigste nicht-operative Programm zeigt das deutlich.

Beim sogenannten Opti-Fast-System – mit Ärzten, Ernährungsberatern, Sportcoaches, Psychologen und Einkaufsberatern, über ein Jahr und für 3.000 bis 5.000 Euro – nehmen erfolgreiche Teilnehmer rund 30 % ab. Aber 35–40 % brechen ab, und wer durchhält, nimmt anschliessend im Verlauf von drei Jahren wieder zu, bis nur noch Ausgangsgewicht minus 5 % übrig bleibt.

Der Körper wehrt sich aktiv: Menschen, die abgenommen haben – egal ob durch Fasten, Operation oder Spritze – frieren oft, weil der Körper Energie nicht mehr für Wärme verschwendet, sondern auf Sparbetrieb umstellt.

Liegt Übergewicht wirklich nur an fehlender Selbstdisziplin?

Nein. Niemand kann von aussen wissen, in welchem Mass ein Mensch sein Essverhalten ändern kann – deshalb lohnt es sich nicht, mit Patienten über Disziplin zu diskutieren. Es geht auch um eine krankhafte Störung des Sättigungsgefühls.

Dazu kommt unser Steinzeit-Erbe: Im Gehirn läuft ein Programm, das auf Süsses mit «Nimm das, gut für dich» reagiert – sinnvoll für wandernde Jäger und Sammler, fatal im heutigen Überfluss. Die Kombination aus Fett und Süss aktiviert ein Belohnungssystem, das im MRT nachweisbar ist.

Genau diese Kombination steckt nicht nur in Chips, sondern auch in der Muttermilch. Der Säugling lernt Fett und Süss als erstes mit Geborgenheit zu verbinden – dieses Muster bekommen wir kaum wieder aus dem System heraus.

Wie funktioniert die Abnehmspritze – und was sind die Alternativen?

Die GLP-1-Spritze stammt aus der Adipositas-Chirurgie: Nach einer Magen-Bypass-Operation ist GLP-1 im Blut stark erhöht. Weil diese körpereigene Substanz extrem flüchtig ist, brauchte es jahrelange Forschung, bis man Varianten herstellen konnte, die eine ganze Woche wirken.

Die Spritze setzt das Sättigungsgefühl früher ein und verlangsamt die Magenentleerung. Bei der Operation wird zusätzlich der Magen verkleinert, sodass die Magengrösse besser zum reduzierten Hungergefühl passt. Auch Biomarker für Zucker- und Fettstoffwechsel verbessern sich – wie bei jeder anderen Abnehmform.

Die Augen-Nebenwirkung, über die im Zusammenhang mit Robbie Williams berichtet wurde, ist mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 1 zu 75.000 sehr selten. Bei der Operation lassen sich Langzeitrisiken durch Nahrungsergänzung und Nachsorge kontrollieren – sie macht aber aus einem kranken Menschen keinen gesunden, sondern erfordert dauerhafte Begleitung.

Was kann ich selbst tun, um gesund alt zu werden?

Statt auf Selbstdisziplin im Supermarkt zu setzen, ist es klüger, die Versuchung gar nicht erst nach Hause zu lassen: nicht hungrig einkaufen und Süssigkeiten, Chips und Co. gar nicht erst im Einkaufswagen landen lassen.

Bewegung ist so wichtig, dass sie ein leicht erhöhtes Risiko durch leichte Adipositas statistisch kompensieren kann. Ernährung und Bewegung bedingen einander – das eine ohne das andere bringt wenig.

Wichtig: Abnehmspritzen (GLP-1-Agonisten) und adipositas-chirurgische Eingriffe sind medizinische Massnahmen, die ärztlich begleitet gehören und nicht für jede:n geeignet sind. Beide haben Nebenwirkungen und Risiken – nach Operationen ist die dauerhafte Einnahme von Nahrungsergänzung sowie regelmässige Nachsorge nötig. Auch bei reduzierter Nahrungsaufnahme (verkleinerter Magen, weniger Appetit, Intervallfasten) musst du auf eine ausreichende Nährstoffversorgung achten. Besprich Massnahmen zur Gewichtsreduktion immer mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Der 100+ Expertentipp

Auf Nicolas Standardfrage nach der einen Massnahme für ein gutes, langes Leben antwortet Dr. Röhrborn:

„Nicht hungrig einkaufen und zusehen, dass so Sachen wie Süssigkeiten im Übermass, Chips, all das, als ungesund und gewichtssteigernd erkannt ist, gar nicht erst im Einkaufswagen landen. Keine Lieferdienste in Anspruch nehmen, Nahrung selber zubereiten. Ein Ernährungsberater hat mal gesagt: iss nichts, was nicht auch deine Grossmutter als Essen erkannt hätte. Und Bewegung – Bewegung ist für die Langlebigkeit ganz unabhängig vom Gewicht unfassbar wichtig.“

Nicolas Selbsttest

Ich gehe wirklich fröhlich aus diesem Gespräch und mit all den Informationen weiter in mein Leben. Es ist doch eine totale Erleichterung zu wissen, dass das ein oder andere Kilo an meiner Hüfte nicht den Ausschlag gibt, ob ich gut und lange lebe. Gerade für uns, die sich seit Jahrzehnten mit dem Jojo-Effekt herumschlagen, ist das eine erleichternde Aussage – und es geht eben nicht nur um Selbstdisziplin.

Ich blicke jetzt liebevoller auf die kleinen Röllchen an Hüfte und Bauch und denke mir: So schlecht ist dieses Fett gar nicht. Neu war für mich auch, wie einfach man an den eigenen Fettröllchen erkennt, ob man vom gefährlichen viszeralen Fett betroffen ist – und dass es Männer mehr betrifft als uns Frauen.

Spannend finde ich, wie sich meine Bausteine zusammenfügen: Über die Mikrobiom-Folge habe ich angefangen, auf Ballaststoffe zu setzen, und tatsächlich abgenommen – nicht weil ich wollte, sondern weil ich mich auf die Ballaststoffe konzentriert habe. Ein echter Wendepunkt. Und weil ich über Intervallfasten nur zweimal am Tag esse, will ich künftig noch genauer auf meine Nährstoffe achten.

Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen

Quick Win

Nicht hungrig einkaufen und Süssigkeiten, Chips und Co. gar nicht erst in den Einkaufswagen legen – was nicht zu Hause ist, kann auch nicht genascht werden.

bündeln & koppeln

Ernährung und Bewegung koppeln: selber kochen statt Lieferdienst, nichts essen, was deine Grossmutter nicht als Essen erkannt hätte – und täglich bewegen, denn das eine bedingt das andere.

next Level

Wenn Diäten dauerhaft nicht greifen und ein krankhafter Leidensdruck besteht: ärztlich begleitet medizinische Optionen wie die GLP-1-Abnehmspritze oder einen chirurgischen Eingriff prüfen – mit konsequenter Nachsorge und Nährstoffversorgung.

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Häufige Fragen

Wie viel kann man durch eine Diät dauerhaft abnehmen?

Es gilt als Konsens, dass durch reine Diätmassnahmen dauerhaft kaum mehr als rund 5 Kilo bzw. 5 % möglich sind. Selbst sehr aufwändige Programme mit Ärzten, Ernährungsberatern und Coaches führen zwar zunächst zu rund 30 % Gewichtsverlust, doch im Verlauf von drei Jahren nehmen die meisten wieder zu – bis nur noch Ausgangsgewicht minus 5 % übrig bleibt. Der Körper wehrt sich aktiv gegen den Gewichtsverlust.

Warum ist viszerales Bauchfett so gefährlich?

Das viszerale Fett liegt im Bauchraum zwischen den Organen und greift in den Hormonstoffwechsel ein. Es bildet Entzündungsstoffe, die man weder merkt noch sieht, die aber im Blut nachweisbar und für den gesamten Körper schädlich sind. Fett unter der Haut oder an den Hüften ist dagegen gesundheitlich deutlich weniger bedeutsam. Männer sind häufiger von viszeralem Fett betroffen.

Liegt Übergewicht nur an fehlender Selbstdisziplin?

Nein. Niemand kann von aussen beurteilen, wie stark ein Mensch sein Essverhalten ändern kann. Bei Adipositas spielt auch eine krankhafte Störung des Sättigungsgefühls eine Rolle. Hinzu kommt unser Steinzeit-Erbe: Das Gehirn belohnt die Kombination aus Süss und Fett, was im MRT nachweisbar ist und schon mit der Muttermilch erlernt wird.

Wie funktioniert die Abnehmspritze?

Die GLP-1-Spritze stammt aus der Adipositas-Chirurgie, wo nach einer Magen-Bypass-Operation erhöhte GLP-1-Werte beobachtet wurden. Sie lässt das Sättigungsgefühl früher einsetzen und verlangsamt die Magenentleerung. Moderne Varianten wirken eine ganze Woche. Auch Zucker- und Fettstoffwechsel verbessern sich. Nach Absetzen kehrt das Hungergefühl zurück, weshalb manche die Spritze in niedriger Dosis weiterführen oder cyceln.

Was ist wichtiger für ein langes Leben – Ernährung oder Bewegung?

Beides bedingt einander, eine klare Priorisierung ist schwer. Bewegung ist für die Langlebigkeit unfassbar wichtig und unabhängig vom Gewicht – sie kann sogar ein leicht erhöhtes Risiko durch leichte Adipositas statistisch kompensieren. Gleichzeitig nützt es nichts, sich nur zu bewegen und schlecht zu essen oder umgekehrt. Wer mit dem einen anfängt, merkt meist, dass das andere folgt.

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