Stuhlgang als Gesundheitsindikator: Was dein täglicher Toilettengang über deine Gesundheit verrät
Folge #14 · mit Prof. Dr. Ingo Alldinger
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Das Wichtigste in Kürze
- Der Stuhlgang ist kein Coach, aber ein guter Gesundheitsindikator: Wer einmal am Tag geformten Stuhl ohne Pressen und langes Sitzen hat, bei dem läuft mit der Verdauung wenig falsch.
- Hämorrhoiden sind fast nie die Ursache – sie sind Teil der normalen Schleimhaut. Beschwerden entstehen meist, weil die Schleimhaut zu weit nach aussen rutscht.
- Frauen pressen, Männer sitzen zu lange: Bei Frauen ist hartes Pressen (oft durch zu wenig Trinken) die Hauptursache, bei Männern langes Sitzen mit dem Handy.
- In Deutschland gibt es geschätzt 11 Millionen Reizdarm-Patient:innen – und kaum Ärzt:innen, die sich gut darum kümmern; häufigstes Alter junger Betroffener: 18 bis 30 Jahre.
- Die Darm-Hirn-Achse ist keine Esoterik: Stress und psychische Belastung wirken direkt auf die Verdauung – wie ein gestörtes Getriebe zwischen Motor und Strasse.
- Die wichtigste Einzelmassnahme für ein langes, gesundes Leben ist laut Prof. Alldinger Ausdauersport – idealerweise schon ab den 40ern und 50ern.
Über das stille Örtchen spricht kaum jemand gern – dabei verrät der tägliche Gang zur Toilette erstaunlich viel über deine Gesundheit. Proktologe Prof. Dr. Ingo Alldinger erklärt, warum Hämorrhoiden fast nie das eigentliche Problem sind, weshalb Männer und Frauen so unterschiedliche Beschwerden haben und welche eine Massnahme er jedem für ein langes Leben mitgeben würde.
Ist mein Stuhlgang ein täglicher Gesundheitscoach
Leider nein – ein Coach würde dir sagen, was zu tun ist. Der Stuhlgang ist aber ein guter Gesundheitsindikator. Prof. Alldinger bringt es auf den Punkt: Wer einmal am Tag geformten Stuhlgang hat, ohne pressen zu müssen und ohne lange auf der Toilette zu sitzen, bei dem läuft mit der Verdauung wenig falsch.
Spannend ist: Selbst Jugendliche, die nur von Hamburger, Pizza und Cola leben, können sich damit blendend fühlen. Das ist keine gesunde Ernährung – aber es gibt kein Ernährungsdogma, das für jeden Menschen zwingend gilt. Probleme zeigen sich oft erst über Jahre.
Warum sind Hämorrhoiden fast nie die eigentliche Ursache
Die meisten Patient:innen kommen mit der Erwartung: «Ich habe Hämorrhoiden, machen Sie die weg.» Doch Hämorrhoiden sind Teil der normalen Schleimhaut im Enddarm – jeder hat sie. Beschwerden entstehen erst, wenn die Schleimhaut zu weit nach aussen rutscht.
Deshalb hilft eine Operation allein oft nicht: Wer nichts an den Auslösern ändert, hat zwei Jahre später denselben Befund wieder. Prof. Alldinger operiert solche Patient:innen bewusst nicht – zuerst müssen die Ursachen abgestellt werden.
Warum haben Männer und Frauen so unterschiedliche Beschwerden
Das Stuhlgangsverhalten unterscheidet sich deutlich – und damit auch die typischen Beschwerden. Männer sind oft viel jünger, wenn sie Probleme bekommen, manchmal schon mit 19 Jahren.
- Frauen pressen viel – häufig, weil sie zu wenig trinken und der Stuhl dadurch hart wird.
- Männer sitzen zu lange auf der Toilette, früher mit der Zeitung, heute mit dem Handy. Beim Sitzen entspannt der Beckenboden, das Blut staut sich, das Bindegewebe dehnt sich – und die Schleimhaut rutscht nach aussen.
- Kraftsportler:innen belasten den Beckenboden bei schweren Kniebeugen oder Beinpresse stark.
- Menschen mit chronischer Darmentzündung haben weicheres Bindegewebe.
- Passiver Analverkehr kann das Bindegewebe direkt schädigen.
Eine Sonderrolle spielt die Schwangerschaft: Auch hier entstehen Beschwerden durch zu wenig Trinken und Pressen – aber sie sind reversibel, weil sich das Bindegewebe etwa ein Jahr nach der Geburt wieder zurückbildet.
Was hat Stress mit meiner Verdauung zu tun
Sehr viel. Viele junge Frauen kommen mit Reizdarm-Beschwerden – häufigstes Alter ist 18 bis 30 Jahre, weil in dieser Selbstfindungs- und Identitätsphase die psychische Belastung gross ist. In Deutschland gibt es geschätzt 11 Millionen Reizdarm-Patient:innen.
Hier kommt die Darm-Hirn-Achse ins Spiel – wissenschaftlich anerkannt, keine Esoterik. Prof. Alldinger vergleicht sie mit einem Auto: Der Motor (Darm) und die Räder sind da, aber wenn das Getriebe (die Kommunikation) gestört ist, kommt die Kraft nicht auf die Strasse. Typische Symptome: mal Durchfall, mal Verstopfung, Blähungen, Bauchschmerzen.
Was kann ich konkret selbst tun
Die Basics klingen banal, werden aber selten umgesetzt. Wichtig: nicht über «Verzicht» denken, sondern positive Ziele setzen.
- Mehr trinken – der einfachste Schritt ohne jeden Verzicht.
- Mehr Ballaststoffe essen – es muss kein Rosenkohl sein, jedes Gemüse, Hülsenfrüchte oder Vollkornbrot zählt.
- Nicht pressen auf der Toilette – und das Handy weglassen, nicht eine halbe Stunde sitzen.
- Eher pflanzenbasiert statt viel tierisches Protein, dazu viel Bewegung.
Hinter Fertiggerichten steckt System: Viel Salz, Zucker und Fett sprechen das Befriedigungszentrum an – gutes Essen muss man erst wieder schmecken lernen.
Wenn ich nur eine Sache für ein langes Leben tue – welche
Für Prof. Alldinger ist die Antwort klar: Ausdauersport. Nicht erst im Altenheim anfangen, sondern spätestens in den 40ern oder 50ern – und es geht nicht um Hochleistung. Spazieren mit dem Hund, Golf, Rudern, Schwimmen oder Joggen reichen.
Je älter man wird, desto wichtiger wird zusätzlich der Kraftsport: nicht nur spazieren, sondern aktives Muskeltraining. Eine gute Ernährung bleibt wichtig – aber wenn es nur eine Massnahme sein darf, ist es die Bewegung.
Wichtig: Blut im Stuhl, anhaltende Schmerzen, Veränderungen des Stuhlgangs oder unklare Verdauungsbeschwerden gehören ärztlich abgeklärt – auch zur Krebsvorsorge. Dieser Artikel ersetzt keine Untersuchung. Eine Operation am Enddarm sollte nur erfolgen, wenn die Auslöser bekannt sind und das Verhalten angepasst wird, sonst kehren die Beschwerden zurück.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Schlussfrage nach der einen Massnahme für ein langes, mobiles Leben antwortet er ohne Zögern:
«Wenn es eine Massnahme ist, dann ist es Sport. Das ist Ausdauersport. Die wichtigste Massnahme für ein gesundes Leben ist Ausdauersport, den ich aber nicht anfange im Altenheim, sondern den ich idealerweise die ganze Zeit mache, spätestens in den 40ern, 50ern anfangen.»
Nicolas Selbsttest
Ich mag diesen badischen Slang von Professor Alldinger – «am Ende wird alles gut» – den hatte meine Mutter auch. Und ich finde, er ist ein total nahbarer Typ. So wünsche ich mir einen Arzt, der Tacheles redet und auch mal sagt: Nicht jede OP ist sinnvoll.
Für mich war es eine total neue Erkenntnis, dass ihr Jungs auf der Kloschüssel ein wohliges Gefühl habt und deshalb so viel länger sitzen bleibt als wir Mädels. Das war mir so überhaupt nicht bewusst.
Traurig gemacht hat mich das Reizdarm-Thema – dass es so oft einen mentalen Ursprung hat und sich kaum Ärzt:innen dafür zuständig fühlen. Immerhin: Wer Darm-Hirn-Achse googelt, findet inzwischen viel mehr.
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Sofort aufhören zu pressen und das Handy auf der Toilette wegzulassen – und einfach mal mehr trinken und schauen, was passiert.
Ballaststoffe bewusst in den Alltag bündeln: Vollkorn statt Weissbrot, jedes Gemüse und Hülsenfrüchte zählen – ohne Verzicht, mit positivem Ziel.
Ausdauersport zur Gewohnheit machen und ab den 40ern/50ern mit aktivem Muskeltraining koppeln – die wichtigste Massnahme für ein langes, mobiles Leben.
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Häufige Fragen
Wie sieht gesunder Stuhlgang aus?
Gesund ist in der Regel einmal am Tag geformter Stuhlgang, ohne dass du pressen oder lange auf der Toilette sitzen musst. Dann läuft mit deiner Verdauung wenig falsch. Wer dagegen viel pressen muss, harten Stuhl hat oder lange sitzt, sollte gegensteuern – meist hilft schon mehr Trinken und mehr Ballaststoffe.
Sind Hämorrhoiden immer die Ursache für Beschwerden am After?
Nein. Hämorrhoiden sind Teil der normalen Schleimhaut im Enddarm, jeder hat sie. Beschwerden entstehen meist, weil die Schleimhaut zu weit nach aussen rutscht – etwa durch starkes Pressen oder langes Sitzen. Eine Operation allein hilft oft nicht: Ohne Verhaltensänderung kehren die Probleme zurück.
Warum ist langes Sitzen auf der Toilette schlecht?
Beim Sitzen auf der Toilettenbrille entspannt sich der Beckenboden, was ein wohliges Gefühl gibt. Über Monate und Jahre staut sich dabei das Blut, das Bindegewebe dehnt sich und die Schleimhaut rutscht nach aussen. Besonders Männer sitzen mit dem Handy oft eine halbe Stunde oder länger – manche zeigen schon mit 19 deutliche Veränderungen.
Was ist die Darm-Hirn-Achse?
Die Darm-Hirn-Achse beschreibt die direkte Verbindung zwischen Gehirn und Darm, die ständig miteinander kommunizieren. Sie ist wissenschaftlich anerkannt und in Leitlinien zum Reizdarm erwähnt – keine Esoterik. Ist diese Kommunikation gestört, zeigen sich Symptome wie wechselnder Durchfall und Verstopfung, Blähungen und Bauchschmerzen, oft verstärkt durch Stress.
Was ist die wichtigste Massnahme für ein langes Leben?
Laut Prof. Alldinger ist es Ausdauersport – am besten ein Leben lang, spätestens ab den 40ern oder 50ern. Es geht nicht um Hochleistung: Spazieren mit dem Hund, Schwimmen, Rudern oder Joggen reichen. Mit zunehmendem Alter wird zusätzlich aktives Muskeltraining wichtiger.
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