Biodiversität und Langlebigkeit: Warum deine Gesundheit von der Vielfalt der Natur abhängt
Folge #14 · mit Dr. Frauke Fischer
🎧 Lieber hören?
Das Wichtigste in Kürze
- Unsere Gesundheit ist absolut abhängig von den Leistungen der Natur: jeder Schluck Wasser, jeder Atemzug, alles, was wir essen.
- Statistisch zerstört jeder Deutsche pro Jahr 40 Quadratmeter Regenwald durch den Konsum billiger Schokolade – Kakao gehört zu den Top 5 der Rohstoffe, die Tropenwälder vernichten.
- Im Agroforst-System ist der Kakao-Ertrag höher als in Monokultur – auch weil Kakao schattig und feucht wachsen will und auf besondere Mücken als Bestäuber angewiesen ist.
- Honigbienen können eine Kakaoblüte nicht bestäuben – Bestäubung leisten auch Fliegen, Mücken, Schmetterlinge, Fledermäuse, Vögel, sogar Fische.
- Wasser kommt nicht aus dem Wasserhahn, sondern aus Ökosystemen: Wälder filtern und verteilen es weltweit – zerstören wir sie, fehlt das Wasser.
- Faustregel beim Einkauf: Je kürzer die Zutatenliste, desto besser das Produkt – und möglichst wenig hochverarbeitete Lebensmittel.
Langlebigkeit hat mit Gesundheit zu tun – und unsere Gesundheit hängt komplett von der Vielfalt der Natur ab. Biodiversitätsexpertin Dr. Frauke Fischer zeigt am Beispiel Schokolade, wie eng unser Einkauf mit Regenwald, Wasser und Bestäubern verknüpft ist, und gibt einen überraschend entspannten Tipp für ein längeres Leben.
Was hat Biodiversität mit meiner Langlebigkeit zu tun
Sehr viel. Langlebigkeit hat mit Gesundheit zu tun – und unsere Gesundheit ist absolut abhängig von den Leistungen der Natur. Vereinfacht gesagt: Jeden Schluck Wasser, jeden Atemzug, alles, was wir essen, verdanken wir der Natur.
Wenn die Natur ihre Leistung nicht mehr erbringen kann – kein sauberes Trinkwasser, nicht genug zu essen – sterben Menschen früher. Und ein ungesunder Lebenswandel bedeutet oft: wenig von dem nutzen, was die Natur bereitstellt, und viel Verändertes zu sich nehmen.
Wie viel Regenwald zerstört billige Schokolade
Eine wissenschaftliche Studie hat es berechnet: Statistisch zerstört jeder Deutsche pro Jahr 40 Quadratmeter Regenwald durch den Konsum billiger Schokolade. Bei über 80 Millionen Menschen kommt über die Jahre enorm viel zusammen.
Der Grund: Die klassische Anbaumethode rodet Regenwald – meist durch Brandrodung –, baut Kakao in Monokultur an, bis der Boden ausgelaugt ist, und brennt dann das nächste Stück ab. Tropische Regenwälder regenerieren sich erst über Jahrhunderte bis Jahrtausende. Kakao gehört damit zu den Top 5 der Rohstoffe, die für die Zerstörung tropischer Regenwälder verantwortlich sind.
Warum bringt Mischanbau mehr Ertrag als Monokultur
Das klingt zunächst unlogisch – auch die Bauern in Peru waren skeptisch: weniger Kakao pflanzen, um mehr zu ernten? Doch genau so funktioniert das Agroforst-System, bei dem Kakao zusammen mit vielen einheimischen Pflanzen wächst.
- Kakao ist ursprünglich eine Pflanze des Regenwald-Unterwuchses – sie mag es schattig, feucht und relativ dunkel, nicht die pralle Sonne.
- Im Mischanbau wachsen Schattenbäume, schnellwachsende Holzarten und Lebensmittelpflanzen wie Bananen, Papaya, Zimt, Avocado und Chili auf einer Fläche.
- Entscheidend ist der Bestäuber: Kakao wird hauptsächlich von zwei Mückenarten bestäubt, die es feucht und dunkel mögen. Eine gesunde Mückenpopulation im Agroforst bedeutet eine hohe Bestäuberrate – und damit höhere Erträge.
Warum machen es die Grossen nicht so? Schokoladenproduzenten kaufen einen Rohstoff auf dem Weltmarkt – wie er entsteht, spielt in ihren Bilanzen keine Rolle. Und biodiversitätsfreundlicher Kakao wurde von Konsument:innen lange nicht nachgefragt.
Welche Rolle spielen Bestäuber wirklich
Wir denken bei Bestäubung sofort an Bienen – dabei leisten Honigbienen nur einen winzigen Teil. Eine Honigbiene kann eine Kakaoblüte gar nicht bestäuben. Du könntest beliebig viele in eine Kakaoplantage stellen, ohne dass eine einzige Blüte bestäubt würde.
Bestäubung leisten Fliegen, Mücken, Schmetterlinge – in den Tropen auch Fledermäuse und Vögel, manche Pflanzen werden sogar von Fischen bestäubt. Das «lästige Fliegetier» im Sommer ist also wertvoll: Ein sauberes Auto nach der Autobahnfahrt ist eher ein schlechtes Zeichen.
Warum kommt unser Wasser nicht aus dem Wasserhahn
Keine industrielle Produktion kommt ohne sauberes Wasser aus – und Wasser kommt aus Ökosystemen, nicht aus dem Wasserhahn. Es wird von Wäldern, Mooren und Feuchtgebieten gefiltert und vor allem von Wäldern weltweit verteilt.
Wir sind abhängig von Wäldern etwa im Kongobecken oder in Sibirien. Zerstören wir sie, fehlt uns hier das Wasser. Und was einmal kaputt ist, lässt sich nicht zurückdrehen – wie ein zerbrochenes Glas, das man technisch nicht wieder heil machen kann. Die Folgen sind längst spürbar: Hitzewellen erhöhen die Todesrate, allein in Frankreich gab es in einem Jahr rund 40.000 Hitzetote.
Was kann ich als Verbraucher:in konkret tun
- Wenig verarbeitete Lebensmittel kaufen – lieber Mehl, Hefe, Tomaten und Käse als die fertige Tiefkühlpizza.
- Die Zutatenliste lesen: Je kürzer sie ist, desto besser das Produkt. Was du nicht mehr verstehst, lieber zurücklegen.
- Bei Schokolade auf Herkunft und Anbau achten – wer es gut macht, schreibt es meist auf die Verpackung.
- Saisonal und regional denken: Hinterfragen, warum Avocados, Heidel- oder Himbeeren aus einem trockenen Land wie Peru kommen.
- Möglichst 30 verschiedene Pflanzenarten pro Woche essen – gut für das Mikrobiom und für die Vielfalt.
Wichtig ist die Verantwortung: Alle Schokoladen kosten eigentlich gleich viel – die Frage ist nur, wer zahlt. Bei fairer Schokolade zahlt die kaufende Person zum Wohle von Natur und Menschen; bei billiger Schokolade zahlen die Natur und die Menschen in den Herkunftsländern.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Schlussfrage nach der einen Massnahme, die eigene Gesundheit mit der Gesundheit der Natur zu verbinden, antwortet sie überraschend entspannt:
«Wenn es die einzige Massnahme ist, dann würde ich sagen, legen Sie sich alle mal in eine Hängematte in einem schönen naturnahen Garten. Dann wird das Ihr Leben verlängern und wenn Sie einen naturnahen Garten haben, dann hilft das ja auch der Natur.»
Nicolas Selbsttest
Die nächste Hängematte ist meine. Ich habe tatsächlich mal ein halbes Jahr lang in der Hängematte übernachtet, als ich durch Südamerika gereist bin – in Brasilien war sie im Rucksack dabei, die einfachste, hygienischste und billigste Art zu übernachten. In den letzten Jahren habe ich das nicht mehr gemacht, aber ich versuche, es nachzuholen.
Ich werde mich zügeln, mich künftig über fliegende Insekten zu beschweren – wir müssen ja inzwischen froh sein, wenn welche da sind. Dass selbst eine Fledermaus ein Bestäuber ist, hatte ich keine Ahnung.
Was ich dagegen wusste: Irgendjemand bezahlt immer. Ich finde es schlimm, dass grosse Marken damit werben, etwas zu spenden oder Bäume zu pflanzen – für mich ist das ein Wegspenden von eigener Verantwortung. Und ich denke an die Himbeeren aus Peru, die hier in Düsseldorf landen: Da sind wir schon in der Verantwortung.
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Beim nächsten Einkauf die Zutatenliste lesen – je kürzer, desto besser – und ein hochverarbeitetes Produkt gegen eine frische Alternative tauschen.
Bei Schokolade, Kaffee und Co. bewusst auf Herkunft und Anbau achten und sich einen naturnahen Garten (samt Hängematte) gönnen – gut für dich und die Natur.
Die 30-Pflanzen-pro-Woche-Challenge starten: mehr Vielfalt für dein Mikrobiom und gleichzeitig mehr Nachfrage nach biodiversitätsfreundlichen Lebensmitteln.
Weiterhören
Häufige Fragen
Wie hängt Biodiversität mit meiner Gesundheit zusammen?
Unsere Gesundheit ist vollständig von den Leistungen der Natur abhängig: sauberes Wasser, saubere Luft und Nahrung. Langlebigkeit bedeutet, lange gesund zu leben – und das geht nur, wenn die Ökosysteme funktionieren. Zerstören wir die Natur, zerstören wir unsere eigene Lebensgrundlage.
Wie viel Regenwald zerstört Schokolade?
Laut einer wissenschaftlichen Studie zerstört statistisch jeder Deutsche pro Jahr rund 40 Quadratmeter Regenwald durch den Konsum billiger Schokolade. Kakao zählt zu den Top 5 der Rohstoffe, die für die Zerstörung tropischer Regenwälder verantwortlich sind, weil meist per Brandrodung Monokulturen angelegt werden. Diese Wälder regenerieren sich erst über Jahrhunderte bis Jahrtausende.
Warum bringt der Mischanbau von Kakao mehr Ertrag?
Kakao ist eine Pflanze des Regenwald-Unterwuchses und mag es schattig und feucht, nicht die volle Sonne. Im Agroforst-System wächst er mit vielen anderen Pflanzen und profitiert von seinen besonderen Bestäubern – zwei Mückenarten, die feuchte, dunkle Bedingungen brauchen. Eine gesunde Mückenpopulation sorgt für hohe Bestäubung und damit höhere Erträge als in der Monokultur.
Können Bienen alles bestäuben?
Nein. Honigbienen leisten nur einen kleinen Teil der Bestäubung. Eine Honigbiene kann zum Beispiel eine Kakaoblüte gar nicht bestäuben. Wichtig sind auch Fliegen, Mücken, Schmetterlinge sowie in den Tropen Fledermäuse und Vögel – manche Pflanzen werden sogar von Fischen bestäubt.
Woran erkenne ich gute Lebensmittel im Supermarkt?
Eine einfache Faustregel: Je kürzer die Zutatenliste, desto besser das Produkt. Was du nicht mehr verstehst, solltest du eher zurücklegen. Kaufe möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel und achte bei Produkten wie Schokolade auf Herkunft und Anbau – seriöse Anbieter schreiben das meist auf die Verpackung.
Und so wird mein Weg auch zu deinem Weg:

