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Leben im Alter planen

Pflege ohne Angst: Wie du Angehörige begleitest und selbstbestimmt alt wirst

Folge #32 · mit Markus Müller

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Das Wichtigste in Kürze

Pflege ist für viele von uns erst einmal ein Angstthema – die Sorge, selbst Pflegefall zu werden oder anderen zur Last zu fallen. In dieser Folge spricht Nicola mit Markus Müller aus München, Jurist, Gründer einer Pflege-App und ehrenamtlicher Hospizbegleiter. Er zeigt, wie Entlastung gelingt, warum Gemeinschaft so wichtig ist – und wie der ehrliche Blick vom Lebensende dein Leben im Jetzt erfüllter machen kann.

Warum ist die Pflege von Angehörigen so belastend?

Pflege zu Hause ist oft eine jahrelange Reise – meist zwei bis fünf Jahre, manchmal sogar 20 oder 30 Jahre. Diese Dauerbelastung geht an die Substanz: Über 50 % aller pflegenden Angehörigen in Deutschland leiden laut Studien irgendwann während der Pflege an einer psychischen Herausforderung wie einer Depression oder einem Burnout.

Hinzu kommt das Gefühl, mit dem Problem ganz allein zu sein. Viele Angehörige denken, ihnen helfe niemand, und wissen nicht, wo sie Hilfe in Anspruch nehmen können. Diese Einsamkeit im eigenen Problem ist eine der grössten Lasten – und sie kann das Gesundheitssystem später zusätzlich belasten, wenn aus der Überlastung eine eigene Erkrankung wird.

Wie finde ich Entlastung und welche Angebote gibt es?

Markus' Erfahrung als Hospizbegleiter zeigt: Viele Angehörige erleben ihre Pflegereise als zufällige Reise. Sie erfahren oft nur durch Nachbarn oder den Hospizbegleiter selbst, dass es eine Tagespflege oder finanzielle Unterstützung von der Kranken- bzw. Pflegekasse gibt. Es bleiben viele Töpfe ungenutzt, die eigentlich da wären.

Der wichtigste Schritt ist deshalb: sich beraten lassen – ob über eine App, einen Pflegeberater oder andere Menschen. Pflegeberater kommen auch nach Hause. Wichtig ist, lokale Angebote zu prüfen, denn auf dem Land ist das oft schwieriger als in der Stadt.

Wie nutze ich mein eigenes Netzwerk bei der Pflege?

Aus über 200 Interviews weiss Markus: Auf die Frage nach Unterstützung antworten viele zunächst „Nein, ich bin ganz allein" – und erzählen dann doch von der Nachbarin, die zweimal die Woche einkauft, oder vom Bruder, der einmal im Monat eine Stunde aufpasst. Das Netzwerk ist oft da, man nimmt es nur nicht bewusst wahr.

Viele Menschen tun sich schwer, um Hilfe zu bitten. Dabei sagen die meisten sofort zu, wenn man sie fragt. Der entscheidende Schritt ist deshalb, das eigene Unterstützungsnetzwerk erst einmal zu erkennen und dann aktiv zu nutzen – und sich zu trauen, konkret um Hilfe zu bitten.

Auf grösserer Ebene helfen regionale Strukturen wie Quartiersmanagement oder eine Community Health Nurse, die sich um die Gesundheitsthemen einer Nachbarschaft kümmert. So entstehen Strukturen, in denen Menschen aufeinander achten – etwa wenn sich jemand mit Demenz verirrt und zurückgebracht wird, weil man sich kennt.

Warum ist Gemeinschaft so wichtig fürs gute Altwerden?

Markus erlebt in Pflegeheimen immer wieder, dass alte Menschen dort „eigentlich nur auf ihren Tod warten und die Zeit absitzen". Aus seiner Sicht werden Menschen, die ihr Leben lang Teil der Gesellschaft waren, zu oft aufs Abstellgleis geschoben, statt sie wieder zu integrieren.

Sein Gegenmodell ist gemeinschaftliches, generationenübergreifendes Leben – Menschen, die ein gemeinsames Projekt teilen, miteinander leben und Arbeit und Leben stärker verbinden. Den Begriff Work-Life-Balance findet er „grausam", weil Arbeit ja Teil des Lebens ist.

Auch der Blick auf die Blue Zones bestätigt das: Was alle besonders alten Menschen vereint, sind stabile soziale Kontakte und die Einbindung in eine Gemeinschaft. Einsamkeit ist dagegen ein Riesenthema – seit Corona auch bei jungen Menschen.

Wie hilft eine digitale Pflege-App bei der Organisation?

Die App Nui wurde als digitaler Assistent entwickelt, der 24 Stunden an 7 Tagen verfügbar ist. Angehörige melden zurück: Sie fühlen sich „ein Stück weniger allein" – nicht im sozialen Sinn, sondern weil sie endlich jemanden haben, mit dem sie sich informieren und austauschen können.

Es gibt kein einzelnes „Killerfeature" – Pflege ist so komplex, dass die App inzwischen 16 verschiedene Features abdeckt. Sie ist eine hybride Lösung: ein KI-Chatbot, aber auch echte Pflegeberater, die per Chat, Video oder Telefon erreichbar sind. Der Zugang ist niederschwellig: Man muss nirgends anrufen und sich nicht outen.

Ein weiterer Ansatz – intern scherzhaft „Pflegetinder" genannt – verbindet Angehörige in ähnlichen Situationen miteinander, etwa einen 40-Jährigen, der seine an Krebs erkrankte Partnerin pflegt, mit Menschen in vergleichbarer Lage. Vertrieben wird die App über Krankenkassen; die Pflegekasse stellt das Budget, der Nutzer zahlt nichts.

Was bringt der Blick vom eigenen Lebensende für das Leben heute?

Markus' Buch heisst „Im Angesicht des Lebens" und ist ein Appell, den Klärungsprozess, den viele Menschen erst kurz vor dem Tod durchlaufen, schon mitten im Leben zu machen – wenn wir noch gestalten und verändern können.

Eine konkrete Übung: Stell dir vor, du bist 90, 100 oder 120 und liegst auf deinem Sterbebett. Was hätte in deinem Leben passieren müssen, damit du sagen kannst „das war ein erfülltes Leben" und in Frieden loslassen kannst? Wenn man das wirklich fühlt, kommen oft Dinge hoch, die einen begeistern – und man kann prüfen, ob sie im jetzigen Leben Platz haben.

Im Buch „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" von Bronnie Ware steht an Platz 1: „Ich hätte rückblickend gerne mein Leben gelebt und nicht die Erwartungen anderer erfüllt." Genau diesen Mismatch zwischen eigenen Wünschen und fremden Erwartungen aufzudecken, kann schmerzhaft sein – führt aber zu einem deutlich zufriedeneren Leben.

Wichtig: Pflege von Angehörigen ist eine erhebliche körperliche und psychische Belastung. Über 50 % der pflegenden Angehörigen erkranken irgendwann selbst – etwa an Depression oder Burnout. Wenn du dich am Rand der Überlastung fühlst, hole dir frühzeitig Beratung und Entlastung, etwa über eine Pflegeberatung oder die Pflegekasse, und nimm professionelle Hilfe in Anspruch. Bei psychischen Belastungen wende dich an ärztliche oder therapeutische Fachstellen. Diese Folge ersetzt keine individuelle Beratung.

Der 100+ Expertentipp

Auf Nicolas 100-plus-Expertenfrage, was die eine wichtigste Massnahme wäre, um das Leben im Alter gut und lang zu geniessen, antwortet Markus:

„Die geistige Offenheit, Flexibilität, Neuroplastizität nennt man das ja heutzutage, die sich weiterzuerhalten. Wenn ich flexibel bleibe im Geist, glaube ich, dann bleibt auch mein Körper flexibel. Andersrum genauso. Das erhält man besonders gut, wenn man sich ständig neuen Dingen aussetzt, neue Dinge lernt – idealerweise nur dann, wenn man die Motivation dazu hat – und sich neuen Menschen und Sichtweisen aussetzt."

Nicolas Selbsttest

Das Leben im Alter zu planen ist wirklich ein grosser Brocken, finde ich. Und doch nehme ich aus dem Gespräch mit Markus drei grosse Punkte mit. Der erste ist sein Lebensmotto, geistig und körperlich fit zu bleiben – was leichter fällt, wenn man Dinge tut, die man gerne tut. Mir ist dabei wichtig: Das Leben ist kein Ponyhof, manche grossen Entscheidungen wie Familie oder ein Unternehmen gründen bedeuten, dass man auch B sagen muss, wenn man A gesagt hat. Es geht darum, die richtigen Momente und Umbrüche zu nutzen, um zu hinterfragen, was mir wirklich Spass macht. Mein innerer Kompass dafür ist meine 100-plus-Bucket-List, die ich letztes Jahr entwickelt habe.

Der zweite Punkt ist das gemeinschaftliche Leben und Älterwerden – darüber möchte ich noch viel intensiver nachdenken. Anders als Markus finde ich allerdings nicht, dass Pflegeheime grundsätzlich nicht menschengerecht sind; für mich sind sie momentan noch die beste Möglichkeit, wenn Angehörige die Pflege zu Hause nicht leisten können. Für alle, die akut mit Pflege zu tun haben, lege ich ans Herz: Nutzt die Netzwerke im Privaten und im öffentlichen Raum und holt euch die Beratung von Pflegekassen und Versicherungen – dafür sind sie da.

Was mich beim selbstbestimmten Älterwerden besonders begeistert, sind neue Technologien – die Verbindung von künstlicher Intelligenz und humanoiden Robotern und vor allem die autonome Mobilität. Denn dann wäre es egal, wo wir wohnen. Über den dicken Brocken Pflege werde ich noch ein paar Tage neu nachdenken – aber das schadet nicht. Denn was wir jetzt entscheiden, bringt uns auf bessere 80, 90 oder 100 Jahre plus.

Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen

Quick Win

Nimm dein eigenes Unterstützungsnetzwerk bewusst wahr – Nachbarn, Geschwister, Freunde – und trau dich, konkret um Hilfe zu bitten. Die meisten sagen sofort zu.

bündeln & koppeln

Hol dir strukturierte Beratung und nutze die Entlastungsangebote, die es längst gibt: Pflegeberatung, Tagespflege, finanzielle Unterstützung der Pflegekasse – etwa niederschwellig über eine Pflege-App.

next Level

Setz dich gedanklich an dein eigenes Sterbebett und gleiche ehrlich ab, ob dein jetziges Leben deinen Wünschen entspricht. Denk über gemeinschaftliche, generationenübergreifende Lebensmodelle nach – und bleib geistig flexibel, indem du dich immer wieder Neuem aussetzt.

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Häufige Fragen

Wie viele pflegende Angehörige werden selbst krank?

Laut Studien leiden über 50 % aller pflegenden Angehörigen in Deutschland während ihrer Pflegereise irgendwann an einer psychischen Herausforderung – etwa an einer Depression oder einem Burnout. Grund ist die enorme Dauerbelastung, die sich oft über mehrere Jahre zieht. Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig Entlastung und Beratung zu holen. Wer überlastet ist, sollte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Welche Entlastungsangebote gibt es für pflegende Angehörige?

Es gibt zahlreiche Angebote, die viele nur zufällig entdecken: Pflegeberatung (auch zu Hause), Tagespflege, finanzielle Unterstützung der Pflegekasse sowie ehrenamtliche Hospizbegleitung. Viele Fördertöpfe bleiben ungenutzt, weil Angehörige sie nicht kennen. Eine Pflegeberatung oder eine Pflege-App hilft, strukturiert herauszufinden, was im konkreten Fall zu tun ist. Wichtig ist auch, lokale Angebote vor Ort zu prüfen.

Wie lange dauert die Pflege von Angehörigen zu Hause meist?

In den meisten Fällen wird zwei bis fünf Jahre zu Hause gepflegt – das ist keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Manche Menschen pflegen sogar 20 oder 30 Jahre lang. Diese lange Dauer macht die Belastung so gross und ist häufig der Grund, warum jemand schliesslich doch ins Pflegeheim geht. Mit besserer Unterstützung lässt sich die Pflege zu Hause oft länger durchhalten.

Was bringt der Blick vom eigenen Lebensende für mein Leben heute?

Stell dir vor, du liegst mit 90 oder 100 auf deinem Sterbebett und blickst zurück: Was hätte passieren müssen, damit du in Frieden loslassen kannst? Diese Übung deckt einen möglichen Mismatch zwischen deinen eigenen Wünschen und den Erwartungen anderer auf. Laut dem Buch von Bronnie Ware bereuen Sterbende am meisten, nicht ihr eigenes Leben gelebt zu haben. Wer diesen Prozess schon mitten im Leben macht, kann noch gestalten und verändern – und lebt deutlich zufriedener.

Warum ist Gemeinschaft so wichtig für ein gesundes Altern?

Was die besonders alten Menschen in den Blue Zones vereint, sind stabile soziale Kontakte und die Einbindung in eine Gemeinschaft. Einsamkeit ist dagegen ein wachsendes Problem – seit Corona auch bei jungen Menschen. Gemeinschaftliche, generationenübergreifende Lebensmodelle, in denen Menschen ein Projekt teilen und füreinander da sind, gelten als guter Blueprint fürs Altwerden. Auch Quartiersstrukturen, in denen sich Nachbarn kennen und aufeinander achten, können viel bewirken.

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