How to 100+Vom Wissen ins Machen.
Einsamkeit vorbeugen

Einsamkeit überwinden: Wie eine Bank im Park Menschen wieder ins Gespräch bringt

Folge #24 · mit Christine von Fragstein

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Das Wichtigste in Kürze

Über zehn Lebensjahre können wir gewinnen, wenn wir gesund essen und uns viel bewegen – und genauso schnell verlieren, wenn wir uns einsam fühlen. In dieser Folge stellt Nicola eine so charmante wie einfache Idee vor: eine Bank im Park, auf der jemand sitzt und sagt «Ich höre dir zu, ich habe Zeit». Christine von Fragstein erzählt, wie aus dieser Idee eine bundesweite Bewegung wurde – und wie du selbst zur Brückenbauerin oder zum Brückenbauer werden kannst.

Warum ist Einsamkeit ein Thema für die Langlebigkeit?

Im Podcast geht es viel um Bewegung und Ernährung. Doch das Thema mentale Gesundheit – ob Einsamkeit oder andere Aspekte – kostet mindestens so viel Lebenszeit wie Rauchen. Bis zu zehn Jahre kann uns das Gefühl, einsam zu sein, wegnehmen – nicht nur an guten Jahren, sondern an Jahren überhaupt.

Wichtig ist die Unterscheidung: Es geht nicht um selbstbestimmtes Alleinsein, bei dem man bewusst Ruhe und Reflektionszeit für sich sucht. Einsamkeit bedeutet, zu wenig Kontakte zu haben – weniger, als man sich eigentlich wünschen würde. Und das kann jeden treffen, in jeder Lebensphase.

Was ist die Idee hinter «ZUHÖREN draussen»?

Die Idee stammt von internationalen Vorbildern – in Skandinavien und den USA gibt es Zuhörinitiativen wie «Urban Listening» oder «Sidewalk Talk». Der Kern: Man geht in den öffentlichen Raum und schenkt Menschen jeder Art, die vorbeikommen, einfach Zeit und offene Ohren.

Angefangen hat alles in Düsseldorf: Fünf Ehrenamtliche gingen mit einem handgeschriebenen DIN-A4-Zettel in den Park – «Ich höre dir zu, ich habe Zeit». Die Menschen reagierten so gut, dass daraus eine richtige Bewegung wurde. Heute ist die Initiative in zwölf Städten aktiv, mit über 300 Ehrenamtlichen.

Heute gibt es bunte, gestaltete Schilder mit Sprechblasen wie «Lust zu plaudern?» oder «Zeit für dich». An festen Zuhörbänken sitzen jede Woche mindestens drei bis vier geschulte Ehrenamtliche und hören Menschen zu, die vorbeikommen – in Düsseldorf inzwischen in 16 Stadtteilen.

Wer kommt zu den Zuhörbänken?

Die Bandbreite der Menschen ist so breit wie die Gesellschaft selbst. Aus rund 800 anonym ausgewerteten Gesprächen des letzten Jahres in Düsseldorf zeigt sich: Die gesamte Klaviatur der Gesellschaft kommt vorbei.

Der Grossteil kommt zufällig vorbei. Es gibt aber auch Wiederholungsbesucher. Eine ältere, sehr einsame Frau brachte es auf den Punkt: «Ich weiss immer, wo ich Freitagnachmittags hingehen kann, weil dann seid ihr wieder da.»

Wie läuft so ein Zuhör-Gespräch ab?

Es ist ganz offen. Manche Gespräche sind reine Info-Gespräche, manche dauern 5, 10 oder 15 Minuten, manche bis zu einer Stunde. Es gibt kein Timelimit – der oder die Erzählende entscheidet, wie lange gesprochen wird. Das unterscheidet die Bank etwa von telefonischen Angeboten wie Silbernetz, wo nach 20 Minuten Schluss ist.

Die Ehrenamtlichen sind immer gemeinsam unterwegs – auch, um sich gegenseitig zu schützen. Wenn jemand belagert wird, etwa von einem Verschwörungstheoretiker, gibt es ein Notsignal, und das Gespräch wird behutsam beendet. Neben den Bänken gibt es weitere Formate: Zuhörräume in Büchereien (etwa samstags von 11 bis 13 Uhr bei Kaffee) und seit September eine App, über die man sich als Gast direkt verabreden kann.

Wie kann ich selbst als Zuhörerin oder Zuhörer mitmachen?

Mitmachen ist niederschwellig und folgt einem klaren Onboarding-Prozess. Du musst keine Seelsorgerin oder Psychologin sein – auch die Gründerin kommt aus einem ganz anderen Beruf.

  1. Über Website oder App zum Newsletter anmelden – du bekommst automatisch eine Einladung zum nächsten Einführungsseminar.
  2. Beim Einführungsseminar alle Fragen rund ums Projekt loswerden und dich orientieren.
  3. Zwei- bis dreimal mitgehen und hospitieren.
  4. Eine Grundlagenschulung absolvieren, die rund zwei Stunden dauert – teils analog, teils digital.
  5. Deinen Zuhörort wählen: die Bank im öffentlichen Raum oder, wer nicht gerne mit Schild dasteht, den Kaffee am Samstagmorgen in der Bibliothek.

Mit Unterstützung der Postcode-Lotterie liefert die Initiative Schilder, Schulungen und alle Zugänge. Das Ziel: 1000 Bänke in drei Jahren – Orte der Begegnung, zu denen man nicht eintreten muss, sondern die man einfach im Vorübergehen findet.

Was hilft sonst gegen Einsamkeit?

Unsere Demokratie und unsere Gesellschaft brauchen mehr Begegnung im öffentlichen Raum – wir sind sehr in unseren Blasen und Filtern gefangen. Wer einsam ist, braucht oft eine Brückenbauerin, die ihn an die Hand nimmt und zeigt, welche Angebote es gibt: Bowle-Treffs, Spaziergänger-Gruppen, Telefonseelsorge, Zentren plus, Familien- und Seniorentreffs, Hilfsangebote an Universitäten.

Auch ein Ehrenamt hilft – ob bei der Tafel, der Caritas oder in einem Café. Bibliotheken sind Orte des zivilen Miteinanders. Der Kollege vom Goethe-Institut, der alle drei Jahre umziehen muss, geht in jeder neuen Stadt in einen Chor: Schon das hilft ihm, sich weniger fremd und mehr zugehörig zu fühlen.

Singen, Spielen, Sport, in Bewegung kommen, sich verbinden mit anderen – all das durchbricht die Negativspirale. Denn die Spirale geht sonst immer weiter nach unten: «Die ruft mich nicht mehr an, die will bestimmt nichts mehr mit mir zu tun haben.» Diese Spirale lässt sich nur unterbrechen, wenn ein positives Signal kommt – und sei es nur einmal die Woche.

Wichtig: Das vorübergehende Gefühl von Einsamkeit ist normal und sogar gesund – es zeigt uns, wie schön gemeinsame Zeit sein kann. Ein Zuhör-Angebot ersetzt aber keine professionelle Hilfe. Wer unter anhaltender Einsamkeit, Niedergeschlagenheit oder einer seelischen Krise leidet, sollte sich ärztlich oder psychotherapeutisch begleiten lassen. Niederschwellige Anlaufstellen sind ausserdem die Telefonseelsorge und – speziell für Senior:innen – Angebote wie Silbernetz.

Der 100+ Expertentipp

Auf Nicolas Frage, was die Gesellschaft gegen Einsamkeit braucht, antwortet Christine von Fragstein:

«Die persönliche Begegnung ist auch für das Gehirn, für den Körper, für die Seele das, was wir brauchen. Wir sind soziale Wesen und keine Roboter. Es geht nur über persönliche Begegnungen – das kann weder Social Media noch der Fernseher noch irgendeine Sendung ersetzen. Ich möchte jeden und jede ermutigen, so eine kleine Initiative – und sei es nur einmal im Monat im eigenen Stadtteil – mal zu starten.»

Nicolas Selbsttest

Ist das nicht eine charmante wie einfache Idee – beim Vorübergehen ein Ohr zu schenken, und wenn ich möchte, bekomme ich noch ein Gespräch oben drein? Ich bin selten so begeistert von einer privaten Initiative. So vieles ist von viel Gutem durchdrungen, scheitert aber an zu hohen Barrieren. Hier kommt das Angebot zu mir – und ich entscheide im Moment, ob ich es annehmen will. Ich werde das nächste Mal hier bei einer Bank vorbeikommen und davon berichten.

Ich bin selbst jemand, der gerne singt – das habe ich von meiner Mutter übernommen. Solche kleinen Resilienzfaktoren nimmt der eine oder andere bewusst oder unbewusst schon. Und ich war als Studentin in Köln im ersten Jahr sehr einsam, bis ich mich einer Theatergruppe angeschlossen habe. Einsamkeit ist nichts, wofür man sich schämen müsste – sie kann jeden jederzeit treffen, wenn Menschen wegziehen, sterben oder man selbst neu anfängt.

Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der sich sehr in seinen Ehrenämtern engagiert hat – kommunal, in der Kirche, im Sportverein. Er hat es nicht aus Langeweile getan, man konnte merken, dass es ihn erfüllt hat. Das habe ich mit in mein Leben genommen: dass das Geben oft viel erfüllender sein kann als das Nehmen. So funktioniert eine Gesellschaft – es ist an jedem Einzelnen, ab und zu auch etwas zurückzugeben.

Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen

Quick Win

Wenn du dich einsam fühlst: Gönn dir bewusst eine echte Begegnung statt Bildschirmzeit. Geh raus, durchbrich den digitalen Raum – such einen analogen, direkten Kontakt, bei dem du Menschen spürst, fühlst und ihre Mimik siehst. Oder geh an einer «ZUHÖREN draussen»-Bank vorbei und nutze die Gelegenheit, etwas loszuwerden.

bündeln & koppeln

Bleib aktiv und koppel soziale Kontakte an feste Gewohnheiten: Geh in einen Chor, einen Verein, eine Sportgruppe oder ein Hobby, das du mit anderen machst. So triffst du regelmässig neue Menschen – wie der Goethe-Kollege, der in jeder neuen Stadt in einen Chor geht. Informiere dich auch, welche Angebote es in deiner Kommune gibt.

next Level

Werde selbst Brückenbauer:in: Engagier dich ehrenamtlich – etwa als Zuhörer:in bei «ZUHÖREN draussen», bei der Caritas, der Diakonie oder über Ehrenamtsportale. Wer Lust hat, kann sogar in der eigenen Stadt eine Zuhör-Initiative starten – Schilder, Schulungen und Zugänge werden gestellt. Denn Geben kann erfüllender sein als Nehmen.

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Häufige Fragen

Wie viel Lebenszeit kostet Einsamkeit?

Einsamkeit kann uns bis zu zehn Lebensjahre kosten – und zwar nicht nur an guten Jahren, sondern an Jahren überhaupt. Das Gefühl, einsam zu sein, schadet der Gesundheit mindestens so stark wie Rauchen. Deshalb ist mentale Gesundheit ein zentrales Thema für ein langes, gesundes Leben.

Was ist «ZUHÖREN draussen»?

«ZUHÖREN draussen» ist eine Bürgerinitiative, die im öffentlichen Raum Zeit und offene Ohren schenkt. Geschulte Ehrenamtliche sitzen an gekennzeichneten Zuhörbänken oder gehen mit Schildern wie «Ich höre dir zu» durch Parks und Stadtteile. Vorbeikommende können einfach ein Gespräch beginnen – ohne Anmeldung und ohne Timelimit. Die Initiative ist inzwischen in zwölf Städten mit über 300 Ehrenamtlichen aktiv.

Sind nur ältere Menschen von Einsamkeit betroffen?

Nein. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fühlen sich auch viele junge Menschen zwischen 18 und 30 einsam. An den Zuhörbänken kommt die gesamte Bandbreite der Gesellschaft vorbei – von der alleinerziehenden Mutter über die Studentin im ersten Semester bis zur Oma nach der Hüftoperation. Einsamkeit kann jeden in jeder Lebensphase treffen.

Wie kann ich bei «ZUHÖREN draussen» mitmachen?

Du meldest dich über Website oder App zum Newsletter an und bekommst eine Einladung zum nächsten Einführungsseminar. Danach gehst du zwei- bis dreimal zum Hospitieren mit und absolvierst eine rund zweistündige Grundlagenschulung, teils analog, teils digital. Anschliessend wählst du deinen Zuhörort – die Bank im öffentlichen Raum oder den Kaffee in der Bibliothek. Du musst dafür keine therapeutische Ausbildung haben.

Was hilft konkret gegen Einsamkeit?

Am wichtigsten ist echte, persönliche Begegnung – sie lässt sich nicht durch Social Media oder Fernsehen ersetzen. Hilfreich sind Aktivitäten wie Singen im Chor, Sport, ein Ehrenamt oder der Anschluss an Vereine und Gruppen. Schon ein positives Signal einmal die Woche kann die Negativspirale durchbrechen. Wer betroffen ist, sollte aktiv bleiben und sich nicht zurückziehen – und sich bei anhaltender Belastung professionelle Hilfe holen.

Vom Wissen ins Machen.

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