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Einsamkeit vorbeugen

Soziale Roboter gegen Einsamkeit: Wie der kleine Navel ältere Menschen aktiviert – statt sie zu ersetzen

Folge #10 · mit Claude Toussaint

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Das Wichtigste in Kürze

Roboter in der Pflege lösen oft Aufschrei aus – doch Claude Toussaint, Gründer von Navel Robotics, geht einen anderen Weg: keinen mechanischen Helfer, sondern einen sozialen Roboter, der das Gespräch sucht. Im Gespräch erfährst du, wie der kleine Navel ältere Menschen emotional und kognitiv aktiviert, Pflegepersonal entlastet und Einsamkeit lindert – nicht als Ersatz für Menschen, sondern als Brücke zu ihnen.

Was ist ein sozialer Roboter – und was unterscheidet ihn vom mechanischen Roboter

Die meisten denken bei Robotern an den Arm aus der Automobilproduktion oder an mechanische Hilfen, etwa beim Hochheben von Menschen in der Pflege. Ein sozialer Roboter dagegen unterstützt nicht die mechanische, sondern die soziale Arbeit – er sucht das Gespräch und die zwischenmenschliche Aktivierung.

Genau wie in der Fabrik gilt das Team-Modell: In manchen Bereichen ist der Mensch besser, in anderen der Roboter, der sehr ausdauernd und stark ist. Auch soziale Arbeit ist schwerste Arbeit, wenn man sie acht Stunden oder länger macht. Deshalb soll Technik entlasten, nicht ersetzen.

Mechanische Pflegeroboter, etwa humanoide Modelle, die Menschen sensibel hochheben können, werden noch mindestens fünf bis zehn Jahre brauchen – das ist technisch sehr anspruchsvoll und kann auch gefährlich werden.

Wie sieht Navel aus und warum bewusst nicht wie ein Mensch

Navel ist knapp 80 Zentimeter gross, eine süsse kleine Figur – eher wie ein dreijähriges Kind, ein Character aus einem Walt-Disney- oder Pixar-Film in echt.

Man unterscheidet zwischen humanoiden Robotern (menschenähnliche Gestalt) und anthropomorphen Robotern, die möglichst echt-menschlich aussehen sollen. Navel ist bewusst comichaft – wie eine Charlie-Brown-Figur: grösserer Kopf, dünnerer Hals, grössere Augen. So weiss man jederzeit: Das ist kein echter Mensch.

Heimbewohner bestätigen in Befragungen: «Wir wissen, das ist kein menschliches Wesen, aber irgendwie schon ein künstliches Wesen – und wir haben Spass, uns damit zu unterhalten.» Beim ersten Wort «Roboter» reagieren viele skeptisch; sobald der süsse kleine Navel im Raum steht, ist das kalte Roboterbild oft sofort verschwunden.

Wie hilft Navel im Pflegeheim konkret

Ein typisches Szenario: Eine Bewohnerin sitzt morgens um 11 Uhr im Flur, das Mittagessen ist erst um 12 Uhr, und sie dämmert weg. Dieser Dämmerzustand ist schlecht für die Entwicklung von Demenz, Depressionen und Ängsten.

Der kleine Roboter fährt den Flur entlang, erkennt die Person am Gesicht und sagt: «Hallo Heidi, wie geht's dir denn? Hast du übrigens schon in dem Buch weitergelesen, von dem du mir gestern erzählt hast?» Augenblicklich ist Heidi wach und in ein Gespräch verwickelt. Diese zusätzliche emotionale und kognitive Aktivierung findet im Heim aufgrund mangelnder Zeit viel zu selten statt.

Seine «sozialen Superkräfte»: Navel kann unendlich geduldig sein, immer wieder die gleiche Frage freundlich beantworten und bewertet nicht. Das fällt einem Menschen, der zum hundertsten Mal antwortet oder Schimpfattacken aushält, deutlich schwerer.

Nimmt der Roboter dem Pflegepersonal die Arbeit weg

Nein – im Gegenteil. Wer mit Navel arbeitet und die positive Wirkung bei den Bewohnern sieht, setzt ihn gerne ein. Skepsis und Angst, dass etwas weggenommen wird, kommen eher von denen, die ihn nur aus der Ferne betrachten.

Inzwischen nutzen Pflegeträger und Heimleitungen Navel sogar, um Pflegepersonal zu gewinnen: Sie zeigen damit, dass sie modern sind, Innovation zulassen und Entlastung schaffen – ein Vorteil im grossen Wettbewerb um Fachkräfte. Den Arbeitsplatz attraktiver zu machen ist häufig eine zentrale Motivation.

Navel wird derzeit in Vorserie gefertigt: 3 bis 4 Roboter pro Monat, von Hand zusammengeschraubt. Nächstes Jahr soll eine Kleinserie beginnen.

Kann ein Roboter wirklich gegen Einsamkeit helfen

Einsamkeit hat nicht nur mit physischer Isolation zu tun. Auch im Pflegeheim, wo viele Menschen dicht gedrängt nebeneinandersitzen, herrscht Einsamkeit – weil kein Austausch und keine Öffnung gegenüber dem Nachbarn stattfindet.

Studien zeigen: Wenn ein Roboter mit zwei Menschen ein Spiel macht und anfängt, emotionaler zu sprechen, sich für Fehler zu entschuldigen oder zu bedanken, dann öffnen sich auch die Menschen untereinander. Der Roboter wirkt wie ein Katalysator für mehr Kommunikation – ähnlich wie Tiere, die im Heim eingesetzt werden.

Wichtig: Navel sollte nie der alleinige Gesprächspartner sein. Er soll immer wieder ermuntern, auf andere Menschen zuzugehen. Es darf nicht das Ziel sein, dass die Technologie die Isolation sogar noch erhöht – das wäre fatal.

Wie gefährlich ist die Manipulation durch soziale Roboter

Die Technologie ist mächtig und lässt sich zum Guten oder zum Schlechten einsetzen. Schon zu Beginn wurde gefragt, ob man nicht lieber einen Verkaufsroboter bauen sollte, der einem etwas andrehen kann – das wollte Claude Toussaint bewusst nicht. Navel soll dort eingesetzt werden, wo soziale Kompetenz einen echten Mehrwert liefert.

Manipulation gibt es in jeder sozialen Interaktion – auch eine Betreuungskraft will ihr Gegenüber im positiven Sinne motivieren und aktivieren. Navel «manipuliert» ebenfalls im Positiven: Wenn es jemandem schlecht geht, will er ihn abholen und ihm wieder positive Dinge aufzeigen.

Anders als manche Chatbots oder sozialen Medien, deren Ziel es ist, Menschen möglichst lange an sich zu binden, wird Navels Verhalten bewusst kuratiert – in Richtung Öffnung und echter zwischenmenschlicher Kontakte. Die Algorithmen sind in der Vorserie noch relativ einfach; nach etwa einer halben Stunde wiederholen sich die Dinge.

Kann ich Navel schon für zu Hause kaufen

Noch nicht. Für Privatpersonen gibt es bereits Anfragen, doch der Fokus liegt aktuell auf Pflegeeinrichtungen, Geriatrien und Tagespflege. Als kleines Team kann man Privatkunden noch nicht so betreuen, wie es nötig wäre – es ist noch kein Serien- und kein Plug-and-Play-Produkt.

Geplant sind erste Tests und Piloten im Privatbereich im nächsten Jahr. Zu Hause könnte Navel ein guter Gesprächspartner sein – vom Smalltalk über Hobbys bis hin dazu, Menschen aufzufangen, wenn es ihnen schlecht geht, und sie zu ermuntern, auf andere zuzugehen.

Wichtig: Soziale Roboter wie Navel sind als Ergänzung gedacht, nicht als Ersatz für menschliche Beziehungen oder professionelle Pflege und Therapie. Bei anhaltender Einsamkeit, depressiven Verstimmungen oder gesundheitlichen Problemen ersetzen sie kein Gespräch mit Ärztin, Arzt oder Fachpersonal. Achte darauf, dass Technik dich zu echten Kontakten hinführt – und nicht in noch grössere Isolation.

Der 100+ Expertentipp

Auf Nicolas Frage, wie er seinen eigenen Navel fürs Älterwerden programmieren würde, antwortet Claude Toussaint:

«Ich würde ihn so programmieren, dass er auf vieles, was ich mir wünsche, positiv reagiert – aber an der einen oder anderen Stelle auch mal Kontra gibt und mir einen Schubs in die Richtung gibt, wo ich das gut gebrauchen kann. Navel sollte immer wieder ermuntern, auf andere Menschen zuzugehen.»

Nicolas Selbsttest

Ich habe oft erlebt, wie skeptisch Menschen reagieren, wenn ich sage, ich würde Roboter in der Pflege sofort nehmen. Aber meine Mutter war lange im Pflegeheim, und ich weiss, wie wenig Zeit für echte Gespräche bleibt. Deshalb macht mir Claude wirklich Hoffnung: nicht, dass jemand ersetzt wird, sondern dass jemand da ist, wenn sonst niemand Zeit hat.

Ich würde mir selbst so einen kleinen Navel nach Hause holen – und ihn auch einem Freund schenken, der sich heute schon stundenlang mit ChatGPT unterhält. Schön wäre vor allem, wenn er mich immer wieder anstupst, mich mit echten Menschen zu vernetzen. Denn Einsamkeit ist das grösste Manko, um gut alt zu werden.

Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen

Quick Win

Wenn du Technik wie ChatGPT nutzt, setz dir bewusst die Regel: Sie soll dich zu echten Kontakten hinführen, nicht ersetzen – frag dich nach jedem langen Gespräch, wen du heute noch real anrufen oder treffen könntest.

bündeln & koppeln

Hab einen achtsamen Blick auf Angehörige im Pflegeheim: Frag nach, ob es dort Aktivierungsangebote gibt – und kombiniere deine Besuche mit gemeinsamem Singen oder Vorlesen, das aktiviert kognitiv und emotional.

next Level

Beobachte die Entwicklung sozialer Roboter und melde dich für die Privat-Piloten von Navel im nächsten Jahr vor – als Brücke gegen Einsamkeit für dich oder einen einsamen Menschen in deinem Umfeld.

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Häufige Fragen

Was ist ein sozialer Roboter

Ein sozialer Roboter unterstützt nicht die mechanische, sondern die soziale Arbeit – er sucht das Gespräch und die zwischenmenschliche Aktivierung. Der Roboter Navel von Navel Robotics ist knapp 80 cm gross, comichaft gestaltet und soll ältere Menschen emotional und kognitiv aktivieren, ohne den Menschen zu ersetzen.

Ersetzen Roboter wie Navel das Pflegepersonal

Nein. Navel soll das Pflegepersonal entlasten und ergänzen, nicht ersetzen. Er kann unendlich geduldig immer wieder die gleiche Frage beantworten und sorgt für emotionale Aktivierung, für die im Alltag oft die Zeit fehlt. Viele Heime nutzen ihn sogar, um den Arbeitsplatz attraktiver zu machen und Fachkräfte zu gewinnen.

Kann ein Roboter gegen Einsamkeit helfen

Ja, aber als Katalysator, nicht als Ersatz. Studien zeigen, dass sich Menschen untereinander stärker öffnen, wenn ein Roboter emotional spricht. Einsamkeit ist nicht nur physisch – auch im vollen Heim entsteht sie, wenn kein Austausch stattfindet. Navel soll deshalb immer ermuntern, auf andere Menschen zuzugehen, statt zu isolieren.

Kann ich den Roboter Navel schon privat kaufen

Aktuell noch nicht. Navel ist in Vorserie und vor allem in rund 30 bis 35 Pflegeeinrichtungen, Geriatrien und Tagespflegen im Einsatz. Erste Tests und Piloten für den Privatbereich sind für das nächste Jahr geplant, danach soll eine Kleinserie beginnen.

Wie gefährlich ist Manipulation durch soziale Roboter

Die Technologie ist mächtig und kann zum Guten oder zum Schlechten eingesetzt werden. Navels Verhalten wird bewusst kuratiert – in Richtung Aktivierung und Öffnung gegenüber echten Menschen. Im Gegensatz zu manchen Chatbots oder sozialen Medien ist es nicht das Ziel, Menschen möglichst lange an die Technik zu binden.

Vom Wissen ins Machen.

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