Faszie und Longevity: Warum deine 23 Stunden Alltag mehr zählen als eine Stunde Sport
Folge #23 · mit Dr. Arvid Neumann
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Das Wichtigste in Kürze
- Die Faszie ist ein körperweites Spannungsnetzwerk von der Hautoberfläche bis in den Zellkern – mit rund 12,5 kg pro Mensch und ca. 250 Millionen Nervenzellen unser reichhaltigstes Wahrnehmungsorgan.
- Die Faszienrolle ist nur eine Schaumstoff- oder Plastikrolle mit kurzfristigem, lokalem Effekt – nicht viel besser als eine Schmerztablette und keine ursächliche Therapie.
- Schmerzfreiheit ist der Normalzustand – Steifheit beim Aufstehen, Zwicken oder nicht knien zu können sind keine normalen Alterserscheinungen, sondern Frühzeichen.
- Der viel grössere Hebel ist die Alltagsbewegung: Der Körper trainiert 24 Stunden, eine Stunde Sport gleicht nie 23 Stunden Fehlhaltung aus.
- Zucker wirkt wie eine Droge und verklebt die Faszie wie zäher Honig oder tiefgefrorener Ketchup – ihn zu minimieren ist gut fürs Hirn und für die Faszie.
- Ein Faszien-Check-up mit Statik- und Dynamik-Analyse lohnt sich präventiv schon ab Mitte 20 bis Mitte 30 – bevor Symptome auftreten.
Wer bei Faszien sofort zur Faszienrolle greift, liegt daneben – und wer auf ein paar gute Übungen hofft, ebenfalls. Dr. Arvid Neumann, Orthopäde, Unfallchirurg, Sportwissenschaftler und Begründer der Faszien-Orthopädie, dreht den Spiess um: Nicht die eine Stunde Sport entscheidet, sondern wie du dich die anderen 23 Stunden bewegst. In dieser Folge erfährst du, was die Faszie wirklich ist, warum Schmerzfreiheit normal sein sollte und welche Rolle Zucker für dein geschmeidiges Älterwerden spielt.
Was ist die Faszie überhaupt
Dr. Neumann spricht bewusst von der Faszie im Singular, weil es sich um ein einziges, zusammenhängendes Netzwerk handelt. Sie definiert sich als körperweites, dreidimensionales Spannungsnetzwerk, das alles mit allem verbindet – von der Hautoberfläche bis in den Kern jeder Zelle.
Faszie ist weit mehr als die Hülle der Muskulatur. Beim Steak ist alles Weisse Faszie, bei der Apfelsine alles, was nicht Fruchtfleisch ist. Auch die Hüllen sämtlicher Gefässe, Nerven, die Hirnhaut, die Knochenhaut, der Herzbeutel und das Zwerchfell sind Faszie.
Mit rund 12,5 kg pro Mensch – bei manchen ein Fünftel, bei manchen ein Siebtel des Körpergewichts – ist sie ein riesiges Gebilde. Mit ca. 250 Millionen Nervenzellen ist sie unser reichhaltigstes Wahrnehmungsorgan, mit mehr Nervenzellen als Auge oder Haut.
Hilft die Faszienrolle wirklich
Die Faszie ist in der Wissenschaft angekommen – seit dem ersten Internationalen Faszien-Kongress 2007 an der Harvard Medical School, mitinitiiert von Dr. Robert Schleip, dem bekanntesten Faszienforscher Deutschlands. Daraus wurde aber ein Hype, und marketingtechnisch geschickt wurde der Begriff Faszienrolle gewählt.
Letztlich ist es nur eine Schaumstoff- oder Plastikrolle. Sie hat durchaus kurzfristige, lokale Effekte: Wer die Fusssohle bearbeitet, hat danach ein gutes Gefühl, bessere Gelenkigkeitstests und vielleicht eine Schmerzreduktion bei Plantarfasziitis oder Fersensporn.
Aber: Es ist nur eine symptomatische Betäubung – nicht viel besser als eine Schmerztablette und keine ursächliche Therapie. In der evidenzbasierten Medizin ist die Konsequenz noch nicht angekommen; der Fokus der Orthopädie liegt seit Jahrzehnten auf der Operationsindustrie.
Wie merke ich, ob mit meiner Faszie etwas nicht stimmt
Alles hängt von der Selbstwahrnehmung ab. Wer ein gutes Körpergefühl hat, nimmt Probleme früher wahr. Schmerz ist dabei erst die Spitze: Dr. Neumann vergleicht es mit einem 50-Liter-Kanister – erst bei 50 plus x entsteht Schmerz. Bei 49,9 Litern hat man noch keinen Schmerz, aber bereits eine lange Vorgeschichte.
Frühzeichen sind ganz einfache Dinge: ein Zwicken hier, eine Verspannung da, ein unangenehmes Gefühl alle paar Monate. Steifheit beim Aufstehen ist nicht normal – normal wäre, voller Energie und Geschmeidigkeit aus dem Bett zu springen, auch mit 50, 60 oder im hohen Alter.
Ein weiteres Frühzeichen erkennt man an der Haut: Wenn das Gewebe nicht mehr überall weich, homogen und verschieblich ist und es deutlich härtere Stellen gibt, ist das nicht gut. Bei gesunden Kleinkindern ist das Gewebe weich und homogen – das wäre der Normalzustand.
Auch der Umkehrschluss gilt: Schmerzfreiheit ist der normalste Zustand. Nicht mehr knien zu können oder Druckschmerz beim Liegen ist nicht normal. Wer das nur mit weicheren Kissen oder Matratzen abpuffert, betreibt Schonung – und Schonung schont uns krank.
Warum sind die 23 Stunden Alltag wichtiger als eine Stunde Sport
Die Faszien-Orthopädie setzt nicht auf Übungen. Pilates, Yoga oder Kraft- und Dehnübungen sind ein Übungsweg – sie helfen, aber sobald man sie ein paar Wochen weglässt, kommen die Probleme zurück. Das zeigt: Sie sind nicht ursächlich, sondern eine symptomatische Therapie.
Der Schlüssel ist das Naturgesetz der Adaptabilität: Der Mensch trainiert 24 Stunden und passt sich permanent an. Wer acht Stunden im Büro sitzt, trainiert acht Stunden Sitzen. Eine Stunde Sport gleicht nie 23 Stunden Fehlhaltung aus – eine Waage 23 zu 1 gibt es nicht.
Die Take-Home-Message: Kümmere dich um die 23 Stunden, nicht zuerst um die eine Stunde Sport. Auch acht Stunden Bürositzen kann man faszienfreundlich und körpergerecht gestalten. Das schafft Freiheit – dann muss man Sport nicht machen, sondern kann ihn geniessen.
Worauf kommt es bei der richtigen Bewegung an
Es braucht einen Paradigmenwechsel: Nicht das Was (welches Training, wie viel Gewicht) ist entscheidend, sondern das Wer und das Wie. Beim Wer geht es um die Körperstruktur: Ein krummer Mensch sitzt krumm, geht krumm, joggt krumm. Wer nicht aufrecht steht, kann sich nicht sinnvoll bewegen.
Beim Wie geht es um Bewegungsqualität – die Art und Weise jeder einzelnen Bewegung und Position. Dazu gehören natürliche Bewegungsmuster wie der Wechsel von kurz und lang oder die Verdrehbewegung der Wirbelsäule beim kontralateralen Gehen.
- Treppe steigen statt Aufzug fahren
- Etwas selbst abholen statt den Lieferdienst rufen
- Hausarbeit, Fenster putzen, Boden wischen bewusst körpergerecht ausführen
- Bücken beim Spülmaschine ausräumen oder Waschmaschine einräumen richtig machen
Wer das richtig macht, tut bei jeder Alltagstätigkeit etwas für die Gesundheit und hält die Faszie geschmeidig und lang – damit man auch mit 80, 90 oder 100+ noch geschmeidig ist und nicht steif und auf den Rollator gestützt durch die Tage geht.
Welche Ernährung unterstützt die Gesundheit der Faszie
Dr. Neumann stellt nicht die Frage, was man für die Faszie isst, sondern was man für den Menschen isst. Wer menschengerecht isst, tut auch der Faszie, dem Immun- und Nervensystem gutes. Im Zentrum steht intuitives Essen – auf das achten, was einem selbst guttut, statt nur Leitlinien zu folgen.
Der grösste Feind ist Zucker als Droge. Bringt man Zucker in die Faszie ein, verklebt alles wie zäher Honig oder tiefgefrorener Ketchup. Ohne Zucker fliesst der Ketchup, der Honig wird dünnflüssig, alles bleibt geschmeidig. Das gilt auch für Getreide, da auch Getreide Zucker ist.
Wer nicht weiss, was ihm guttut, dem empfiehlt Dr. Neumann zuerst eine Fastenperiode – um sich von Konservierungsstoffen zu lösen und wieder intuitiv essen zu lernen. Eine Patientin mit chronischen Schmerzen war allein durch konsequente Ernährungsumstellung über fünf bis sechs Wochen schmerzfrei und wieder voll vital – noch bevor die Behandlung begann.
Zu Kollagenpulvern bleibt er nüchtern: Er isst selbst kein Kollagen und ist trotzdem weich. Wer 23 Stunden Mist baut und eine Stunde Kollagen isst, hat keinen signifikanten Mehrwert. Wer sich grundsätzlich menschengerecht ernährt – Wildkräuter, Fermentiertes – kann durch Kollagen unterstützt werden, nötig ist es nicht.
Wichtig: Bei anhaltenden oder wiederkehrenden Schmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen solltest du die Ursache fachlich abklären lassen – etwa über einen Faszien-Check-up bei einer qualifizierten Therapeutin oder einem Therapeuten. Die hier beschriebenen Ansätze ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Schmerzen sind ein Warn- und Hinweissignal des Körpers und sollten ernst genommen, nicht nur mit Schmerzmitteln oder Schonung überdeckt werden.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Standardfrage nach der einen Massnahme für ein besseres, agileres und längeres Leben antwortet Dr. Neumann überraschend – weg von der Bewegung, hinein in den Kopf:
«Begin with the end in mind. Also am Anfang schon das Ende im Kopf haben, sich zu überlegen, wie will man sein mit 80, 90, 100, was will ich da noch können? Und das proaktiv jetzt schon zu machen, weil ich eigenverantwortlich bin für meine Gesundheit.»
Nicolas Selbsttest
«Normal ist, es tut nicht weh» – dieser Satz ist so leicht hingesagt. Aber wenn ich ihn sacken lasse, merke ich, wie sehr ich selbst davon ausgehe, dass mit dem Älterwerden eben die Zipperlein kommen, dass es zwickt und verspannt ist, dass man dann halt Schmerztabletten nimmt oder über OPs nachdenkt.
Ich habe mich in meiner 100-plus-Bucketlist bestätigt gefühlt – besonders in meinem Punkt «Bewegen statt Sport». Als nicht so Sportive war es für mich schon immer der Schwerpunkt, die Bewegung im Alltag zu suchen. Aber ob ich richtig laufe, sitze, knie und stehe, da bin ich mir nicht sicher – das habe ich mir jetzt noch mal auf meine To-do-Liste gesetzt.
Dass Zucker eine Droge ist, finde ich seit Jahren – bei mir hat es Klick gemacht, als eine Beauty-Expertin sagte, Zucker verklebt die Zellen und produziert Falten. Komplett weg vom Zucker hat es mich trotzdem noch nicht gebracht. Ich glaube, das sollte man geniessen, aber immer überlegen: Ist es jetzt gerade ein Genuss oder esse ich es einfach, weil es rumliegt?
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Nimm im Alltag bewusst die Treppe statt den Aufzug und hol dir Dinge selbst, statt den Lieferdienst zu rufen – einfach mehr in Bewegung kommen.
Verbinde nützliche Alltagstätigkeiten mit Bewegungsqualität: Hausarbeit, Fenster putzen, Bücken beim Spülmaschine ausräumen bewusst körpergerecht ausführen – und Zucker, wo es geht, minimieren.
Lass präventiv einen Faszien-Check-up mit Statik- und Dynamik-Analyse machen und lerne über eine Fastenperiode wieder intuitiv zu essen und deine Körperwahrnehmung zu schärfen.
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Häufige Fragen
Was ist die Faszie und warum ist sie wichtig
Die Faszie ist ein körperweites, dreidimensionales Spannungsnetzwerk, das alles mit allem verbindet – von der Hautoberfläche bis in den Zellkern. Sie umfasst nicht nur Muskelhüllen, sondern auch die Hüllen von Gefässen und Nerven, Hirnhaut, Knochenhaut, Herzbeutel und Zwerchfell. Mit rund 12,5 kg pro Mensch und ca. 250 Millionen Nervenzellen ist sie unser reichhaltigstes Wahrnehmungsorgan. Eine geschmeidige Faszie ist die Grundlage für agiles, schmerzfreies Älterwerden.
Bringt die Faszienrolle etwas
Die Faszienrolle ist letztlich nur eine Schaumstoff- oder Plastikrolle. Sie hat kurzfristige, lokale Effekte – nach dem Bearbeiten der Fusssohle fühlt sich diese besser an und Gelenkigkeitstests verbessern sich kurzfristig. Bei Diagnosen wie Plantarfasziitis oder Fersensporn kann sie den Schmerz reduzieren. Aber sie ist nur eine symptomatische Betäubung, nicht viel besser als eine Schmerztablette, und keine ursächliche Therapie.
Sind Steifheit und Schmerzen im Alter normal
Nein. Laut Dr. Neumann ist Schmerzfreiheit der normalste Zustand. Steifheit beim Aufstehen, ein Zwicken alle paar Monate oder nicht mehr knien zu können sind keine normalen Alterserscheinungen, sondern Frühzeichen. Schmerz entsteht erst, wenn der berühmte 50-Liter-Kanister überläuft – die Vorgeschichte ist da längst da. Geschmeidigkeit und Energie sind auch im hohen Alter normal und erreichbar.
Wie wirkt Zucker auf die Faszie
Zucker wirkt wie eine Droge. Bringt man viel Zucker in die Faszie ein, verklebt alles wie zäher Honig oder tiefgefrorener Ketchup. Ohne Zucker bleibt das Gewebe geschmeidig und gut verschieblich. Da auch Getreide Zucker ist, lohnt es sich, Zucker so weit wie möglich zu minimieren – das ist gut für die Faszie, das Hirn und den gesamten Menschen.
Was ist wichtiger – Sport oder Alltagsbewegung
Die Alltagsbewegung. Der Körper trainiert 24 Stunden am Tag und passt sich permanent an. Eine Stunde Sport gleicht nie 23 Stunden Fehlhaltung aus. Deshalb lautet die Empfehlung: Kümmere dich zuerst um die 23 Stunden und gestalte auch Sitzen und Hausarbeit körpergerecht. Entscheidend ist nicht das Was, sondern das Wer (aufrechte Körperstruktur) und das Wie (Bewegungsqualität).
Und so wird mein Weg auch zu deinem Weg:

