Ketamin gegen Depressionen: Wie eine psychoaktive Substanz festgefahrene Therapien wieder in Bewegung bringt
Folge #11 · mit Maria Luise da Costa Zemsch
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Das Wichtigste in Kürze
- 30 bis 40 % der Patient:innen sprechen auf die heute üblichen Antidepressiva überhaupt nicht an.
- Klassische Medikamente behandeln meist die Symptome, nicht die Ursache – Depression hat viele Subtypen mit unterschiedlichen Auslösern.
- Ketamin ist ein etabliertes Anästhetikum und wirkt psychoaktiv und dissoziativ – im Therapie-Setting wird der dissoziative Zustand für Gesprächstherapie genutzt.
- Die Substanz fördert Neuroplastizität – das Bilden neuer Synapsen, das wir zum Lernen und zur Genesung brauchen.
- Eine Standardtherapie umfasst vier bis sechs Infusionen in zwei bis drei Wochen; die Erleichterung kann mehrere Monate anhalten.
- In Deutschland ist Ketamin nur therapeutisch und im klinischen Setting zulässig – nicht als Longevity- oder Selbstoptimierungs-Substanz.
Ketamin gilt manchen als Modedroge, anderen als Hoffnungsträger gegen schwere Depressionen. Die Berliner Doktorandin Maria Luise da Costa Zemsch erforscht am Berlin Institute of Health, wie psychoaktive Substanzen die Psychotherapie verändern könnten. In diesem Gespräch erfährst du, warum klassische Antidepressiva so oft versagen, was Neuroplastizität mit Genesung zu tun hat – und wo die rechtlichen Grenzen liegen.
Warum wirken klassische Antidepressiva bei so vielen Menschen nicht?
Viele heutige Antidepressiva wurden eher zufällig entdeckt – man bemerkte etwa, dass ein Mittel gegen Tuberkulose stimmungserhellende Nebenwirkungen hatte. Daraus entstand unter anderem die sogenannte Monoamin-Hypothese.
Das Problem: Diese Medikamente behandeln meist die Symptome, nicht die eigentliche Ursache. Und 30 bis 40 % der Patient:innen spüren mit den derzeit verfügbaren Mitteln gar keine Wirkung – ein hoher Anteil, der auch das Gesundheitssystem belastet.
Welche Ursachen kann eine Depression haben?
Depression wird im Gespräch mit Psychiater:in oder Psycholog:in anhand eines Clusters von Symptomen diagnostiziert. Die Forschung zeigt aber: Es gibt viele unterschiedliche Subtypen mit ganz verschiedenen Ursachen.
- Genetische Faktoren wie Mutationen im Genom
- Bestimmte Neurotransmitter-Variationen
- Stress
- Soziale Isolation und Einsamkeit
- Diskriminierung und weitere soziale Faktoren
Ein Forschungsproblem bleibt der Gender Data Gap: Daten zu Frauen, etwa zum Einfluss des Zyklus auf die Wirkung von Medikamenten, fehlen bis heute weitgehend.
Was ist Ketamin eigentlich?
Ketamin wird im Labor hergestellt und ist als Anästhetikum längst in der Medizin etabliert. Es ist eine psychoaktive Substanz: Sie verändert Emotionen und Wahrnehmung – was wir sehen, hören und fühlen.
Zudem wirkt Ketamin dissoziativ – manche beschreiben eine Art "Outer Body Experience", das Gefühl, aus dem eigenen Körper herauszutreten. Ketamin hat Suchtpotenzial, ähnlich wie Opioide oder Benzodiazepine. Entscheidend ist deshalb die Anwendung im klinischen Setting.
Wie läuft eine Ketamintherapie ab?
- Vorgespräch über Ängste und Fragen, mit denen man sich auseinandersetzen will – Ketamin ist nicht für jede Person geeignet, etwa bei starker Angst, die Kontrolle abzugeben.
- Eine ruhige Phase vor der Verabreichung, in der die Ängste noch einmal besprochen werden.
- Die Infusion über 40 bis 60 Minuten – im dissoziativen Zustand werden normalerweise keine Gespräche geführt, bei Bedarf wird die Hand gehalten.
- Anschliessend die Gesprächstherapie über das Erlebte, wenn die akute Wirkung nachlässt.
So lassen sich Bewusstseinszustände und Räume öffnen, die sich sonst nicht erschliessen. Traumapatient:innen können sich begleitet an Situationen erinnern, bei denen sie sonst Panikattacken bekämen.
Was bedeutet Neuroplastizität – und warum ist sie so wichtig?
In der Psychologie spricht man oft vom Garten im Gehirn, auf den man aufpassen muss. Lernt man etwas Neues, schlägt man sich wie durch ein Dickicht – und je öfter man diesen Weg geht, desto mehr wird der Trampelpfad zu einem festen Weg. So bilden sich neue Synapsen.
Neuroplastizität ist einer der Grundmechanismen, die wir zum Funktionieren brauchen. Wir lernen jeden Tag Neues, und ein veränderbares Gehirn kann sogar Problemareale umgehen. Ketamin fördert diese Neuroplastizität – das macht es für die Genesung interessant.
Darf man Ketamin zur Verjüngung des Gehirns nutzen?
Nein. In Deutschland kann man Ketamin nicht legal als Privatperson erwerben, und es ist neben dem therapeutischen Einsatz nicht erlaubt. In den USA wird der legale Raum dagegen stärker ausgereizt, einige Start-ups versuchen, die Substanz freier verfügbar zu machen.
Ein Blick in die Niederlande zeigt, dass dort Psilocybin – ebenfalls eine psychoaktive Substanz – in Grenzen legal ist und Communities damit Persönlichkeitsarbeit und Selbstreflexion betreiben. Die Legalisierung psychoaktiver Substanzen ist ein politischer Prozess, für den viele Menschen kämpfen.
Wichtig: Ketamin hat Suchtpotenzial und gehört ausschliesslich in ein klinisches Setting mit Vor- und Nachgespräch. Es ist nicht für jede Person geeignet – etwa bei starker Angst, die Kontrolle abzugeben. In Deutschland ist der Einsatz nur therapeutisch zulässig; ein eigenmächtiger Gebrauch ist weder legal noch sicher. Bei psychischen Belastungen wende dich an ärztliche oder psychotherapeutische Fachpersonen.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Frage nach der einen Massnahme für die eigene mentale Gesundheit zu Hause antwortet die Forscherin:
„Man darf nicht vernachlässigen, dass Körper und Geist zusammenhängen. Gute Ernährung, genug Schlaf, Bewegung und ein starkes soziales Umfeld – das sind alles antidepressive Verhaltensmuster.“
Nicolas Selbsttest
Körper und Geist zusammen denken – das nehme ich von Maria Luise mit. Wenn ich an die letzten Podcast-Folgen zurückdenke, war das überall der gemeinsame Nenner: Körper, Seele und Geist müssen immer zusammen betrachtet werden, und es gibt nie diesen einen einzelnen Baustein, der uns gesünder und länger leben lässt.
Ketamin fasziniert mich, weil sich neue neuronale Synapsen bilden können – mit Hilfe einer Substanz. Das strahlt etwas wie einen Jungbrunnen aus, den man doch unbedingt haben möchte. Noch ist der Einsatz beschränkt und in Deutschland nicht für die Selbstoptimierung erlaubt. Bis dahin gibt es aber auch ganz traditionelle Wege, diesen Jungbrunnen im Kopf zu triggern: Eine Studie hat gezeigt, dass selbst im hohen Alter das Erlernen von drei neuen Dingen uns im Kopf verjüngt – das ist das Ketamin, das wir uns auf dem Fussweg beschaffen können.
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Antidepressive Alltagsmuster stärken: ausreichend Schlaf, gute Ernährung und Bewegung bewusst einplanen – sie wirken nachweislich stimmungsaufhellend.
Körper und Geist koppeln: ein starkes soziales Umfeld pflegen und regelmässig neue Dinge lernen, um Neuroplastizität und mentale Gesundheit gleichzeitig zu fördern.
Bei behandlungsresistenter Depression ärztlich begleitet über innovative Ansätze wie eine Ketamintherapie im klinischen Setting informieren – als ergänzenden, nicht eigenmächtigen Weg.
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Häufige Fragen
Wie wirkt Ketamin bei Depressionen?
Ketamin ist eine psychoaktive und dissoziative Substanz, die im Gehirn einen chemischen Prozess auslöst, der antidepressiv wirkt und Neuroplastizität fördert. Eine einmalige Infusion kann depressive Symptome innerhalb von Minuten bis Stunden lindern. Zusätzlich öffnet der veränderte Bewusstseinszustand Räume, die in der anschliessenden Gesprächstherapie genutzt werden.
Wie viele Ketamininfusionen braucht eine Therapie?
Die derzeitige Therapie sieht vier bis sechs Infusionen innerhalb von zwei bis drei Wochen vor. Danach kann eine Erleichterung der depressiven Symptome bis zu mehreren Monaten anhalten. Es gibt sogar Einzelfälle, die nach jahrzehntelangen schweren Depressionen über Jahre symptomfrei geblieben sind.
Ist Ketamin in Deutschland legal?
Ketamin ist in Deutschland als Anästhetikum und im therapeutischen Rahmen zugelassen, aber nicht als frei verfügbare Substanz zur Selbstoptimierung. Privatpersonen können es nicht legal erwerben. Der Einsatz erfolgt im klinischen Setting mit Vor- und Nachgespräch.
Ist Ketamin für jeden geeignet?
Nein. Wer starke Ängste vor dissoziativen Zuständen hat oder Probleme damit, die Kontrolle abzugeben, für den ist diese Therapie meist nicht geeignet. Ketamin hat zudem Suchtpotenzial. Deshalb gehört die Anwendung in ein klinisches Setting mit fachlicher Begleitung.
Was ist Neuroplastizität?
Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, neue Synapsen und Verbindungen zu bilden. Man kann sie sich wie Trampelpfade in einem Garten vorstellen, die durch wiederholtes Begehen zu festen Wegen werden. Sie ist Grundlage für Lernen und Genesung – und ermöglicht es dem Gehirn sogar, Problemareale zu umgehen.
Und so wird mein Weg auch zu deinem Weg:

