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Jakobsweg und Langlebigkeit: Wie mehrtägiges Pilgerwandern Körper, Kopf und Seele zurücksetzt

Folge #9

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Das Wichtigste in Kürze

Nicola kommt frisch vom Jakobsweg zurück – gepilgert auf dem portugiesischen Weg bis nach Santiago de Compostela. Was das mit Langlebigkeit zu tun hat? Mehr, als du denkst. In dieser Folge teilt sie ihre Erfahrungen aus den letzten Wochen: von der Logistik und Packliste über die Tagesroutine bis zu dem, was mehrtägiges Wandern mit Kopf und Seele macht. Du nimmst mit, warum der Weg dir zeigt, wo du stehst – und wie regenerationsfähig und flexibel dein Körper sein kann.

Was hat Pilgerwandern mit Langlebigkeit zu tun?

Der Unterschied zwischen Wandern und Pilgerwandern liegt nicht in der Distanz, sondern in der Dauer: Du gehst nicht ein oder zwei Tage, sondern über einen langen Zeitraum täglich – ohne dich dazwischen immer wieder voll zu erholen. Genau das macht den Unterschied.

Pilgern zeigt dir ganz genau, wo du stehst – körperlich, mental und seelisch. Nicola nennt drei Erkenntnisse, die sie überrascht haben:

  1. Wie regenerationsfähig der Körper ist: Nach dem schwersten Tag 8 dachte sie, sie bricht ab – am Morgen von Tag 9 war die Blase ausgetrocknet, das Knie wieder in Ordnung.
  2. Wie flexibel man ist, sich auf neue Tagesabläufe einzustellen, wenn die gewohnte Routine wegfällt und man jeden Tag in einem anderen Bett schläft.
  3. Wie man auf stundenlangen Wanderungen mit Themen konfrontiert wird, die neu aufpoppen oder andeuten: Schau da doch mal hin.

Für Nicola gehört körperliche Fitness, gute Regeneration, mentale Stärke und neue Offenheit zusammen – als grosser Teil eines guten, gesunden und langen Lebens.

Was brauche ich, um auf dem Jakobsweg loszuwandern?

Nicht viel – das sollte dein Fokus sein. Nicola nahm bewusst einen kleinen Rucksack mit dem Ziel, bei 10 Kilo zu bleiben, denn alles muss von Schultern und Füssen getragen werden. Bei Kilometer für Kilometer merkst du jedes Gramm zu viel.

Ihre wichtigsten Ausrüstungstipps:

Trotz doppelter Socken bekam Nicola schon beim Einlaufen die erste Blase. Die Wanderwolle, geschenkt von einer holländischen Wanderfreundin, hat ihr ein bis zwei Tage Schmerzen erspart.

Welche Route eignet sich für Einsteiger:innen?

Die Jakobswege unterscheiden sich vor allem in den Höhenmetern. Wer wie Nicola Flachländer:in ist, dem empfiehlt sie den portugiesischen Weg: gut machbar, man kommt an seine Grenzen, ist aber nicht permanent überfordert.

Drei Gründe sprachen für diese Route: Sie ist in zwei Wochen inklusive An- und Abreise zu schaffen, man kann jederzeit abbrechen (Bus, Taxi, Strand) – und die Gegend ist wunderschön. Wege im Norden wie der Primitivo oder der Inglés bedeuten dagegen teils über 500 Höhenmeter täglich.

Nicola startete in Portugal, ging zwei Tage den Küstenweg und wechselte dann auf den traditionellen Weg im Landesinneren, um mehr Abwechslung zu haben. Ihr Rat: bleibt offen. Start und Ziel kennt man, dazwischen findet jeder seinen eigenen Weg. Man kann zu Fuss, mit dem Fahrrad, mit Hund – angeblich sogar mit dem Pferd – unterwegs sein. Nicola landete bei 20 bis 25 Kilometern pro Tag.

Wie sieht eine Tagesroutine beim Pilgerwandern aus?

Komplett anders als zu Hause: Du gehst morgens los, wanderst einige Stunden bis zum Zielort und brauchst dann eine Herberge. Doch ausruhen geht nicht sofort – erst kommt Essen, dann Wäsche von Hand waschen, damit die zweite Wandermontur über Nacht oder am nächsten Tag am Rucksack trocknet.

Die ersten Tage drehen sich um Schlafen, Essen und Wundversorgung – Schrammen, Blasen oder plötzliche Knieprobleme. Nicola hatte nie Knie, nach sechs bis sieben Tagen meldete sich eines. Wichtig: Man kann sich übernehmen und zahlt es abends mit Schmerzen.

Jeder entwickelt seinen eigenen Rhythmus – Nicola lief früh los, ihre Wanderfreundin spät. Bei der Herberge buchten sie meist erst am Tag selbst die nächste Bleibe. Die Auswahl reicht von Klosterherbergen auf Spendenbasis über private Pensionen bis zu Hotels. In Schlafsälen helfen gute Ohrstöpsel; durch die Erschöpfung findet man auch dort seinen Schlaf. Oft wird abends ein Pilgeressen angeboten – ein guter Moment, mit anderen Pilgern ins Gespräch zu kommen.

Was macht das Pilgern mit Kopf und Seele?

Sobald die Tagesroutine sitzt und du deinen Körper einschätzen kannst, wirst du offen für das, was der Weg sonst noch schenkt – ganz ohne religiösen Anspruch. Die Gedanken beginnen anders zu fliessen, wenn man stundenlang vor sich hin wandert.

Bei Nicola brachte das Wasserrauschen eines begleitenden Bachs sie nach ein bis zwei Stunden in einen Flow. Dann steuerst du nichts mehr, sondern Gehirn und Seele geben dir Themen mit auf den Weg, die du in neuem Licht betrachten kannst – getragen vom Gefühl: Ich halte durch, ich kann meinem Körper vertrauen.

Kraft geben auch die Menschen: die internationale Pilgergemeinschaft, die Einheimischen, die dir 'Camino!' zurufen, und kleine Selbstbedienungs-Ecken mit dem Schild 'Alles für einen Euro'. Über Ostern erlebte Nicola Prozessionen und sang mit. Solche Gesten lassen sie fragen: Wie sieht es eigentlich in meinem Alltag aus – grüssen wir uns noch, schenken wir uns ein Lächeln?

Wie ist das Ankommen in Santiago de Compostela?

Nicola verbrachte die letzte Nacht bewusst ein paar Kilometer vor Santiago, weil ihr die letzten Kilometer jedes Tages schwerfielen. Ausgerechnet an diesem Abend gab es den grossen Stromausfall in Spanien und Portugal – sie duschte im Dunkeln, zahlte bar, und in einer kleinen Bar, die mit Gas kochte, half man sich gegenseitig mit Bargeld aus. Genau solche Glücksmomente und diese Hilfsbereitschaft haben sie tief berührt.

Am Morgen lief sie im Dunkeln los und erreichte mit leichtem Herzen, ohne Schmerzen, mit klarem Kopf die noch schlafende Stadt – die Morgensonne auf den Kathedraltürmen, kaum jemand auf dem Platz. Man ist stolz, demütig und zufrieden.

Wer mag, holt im Pilgerbüro das Zertifikat (das laut Tradition die Sünden der Vergangenheit auf Null setzt) und besucht das kurzweilige Pilgermuseum an der Kathedrale. Für Nicola war wichtiger der Pilgerausweis mit täglich mindestens zwei Stempeln – jeder Stempel steht für besondere Erlebnisse.

Kann ich den Jakobsweg auch von zu Hause aus üben?

Ja. Es gibt viele Zubringerwege in Deutschland – etwa ab Aachen, aus Norddeutschland oder in Nicolas bayerischer Heimat – die alle Richtung Santiago führen. Man muss nicht immer dort enden: Auch ein, zwei, drei Tage auf einem Jakobsweg übers Wochenende sind möglich.

Als Vorbereitung lief Nicola am Rhein – flach, aber ein gutes Gefühl dafür, wie viel 10 oder 20 Kilometer sind. Man kann sich auch etappenweise an Santiago herantasten: Nicola traf zwei Franzosen und einen Chilenen, die mit nur fünf Tagen die Hälfte des portugiesischen Wegs gingen und die zweite Hälfte im Herbst nachholen wollen.

Nicola ist sich sicher: Es war nicht ihr letzter Jakobsweg, sondern erst der Anfang. Ihr Rat für gemeinsames Pilgern: lasst euch genug offen, damit jeder seinen eigenen Rhythmus findet.

Wichtig: Mehrtägiges Pilgerwandern ist eine erhebliche körperliche Belastung – Blasen, Knieprobleme und Überlastung können auch bei vorbereiteten Menschen auftreten. Übernimm dich nicht, achte auf deinen Körper, gönn dir Pausen und Erholung. Wer Vorerkrankungen hat oder unsicher ist, sollte sich vor einer langen Tour ärztlich beraten lassen und zunächst mit kürzeren Etappen trainieren.

Nicolas Selbsttest

Für mich war es ein längerer Selbstversuch – und wirklich erst der Anfang, noch gar nicht das Ende meiner Erfahrungen zum Jakobsweg. Ich war erstaunt, wie regenerationsfähig mein Körper sein kann: An Tag 8 dachte ich, morgen breche ich ab, mir tut alles weh – und am nächsten Morgen bin ich aufgestanden und habe gesagt, let's go.

Ich bin meiner Wanderfreundin sehr dankbar, dass sie mich überhaupt auf die Idee gebracht hat. Wir haben es uns leicht gemacht, indem wir uns das Scheitern offen gehalten haben – das war für mich eine Erleichterung. Und wir waren beide erstaunt, wie man in diesen Weg eintaucht und ein bisschen über sich selbst hinauswächst.

Das Gefühl, ich kann das, ich kann durchhalten, ich kann meinem Körper vertrauen, ich werde mental stärker und bekomme eine neue Offenheit für neue Wege – das ist für mich ein grosser Teil eines guten, gesunden, erfüllten und hoffentlich langen Lebens. Aus dem Alltag nehme ich mir mit, mit offenerem Blick durch die Strassen zu gehen und wieder bewusster achtsam zu sein.

Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen

Quick Win

Lauf eine erste kurze Etappe von zu Hause aus – etwa am Rhein oder auf einem deutschen Zubringerweg. So bekommst du ein Gefühl dafür, wie viel 10 oder 20 Kilometer wirklich sind, und lernst dich einzuschätzen.

bündeln & koppeln

Pack einen kleinen Rucksack mit Ziel 10 Kilo, denk an warmen Schlafsack, zwei Paar Schuhe, Blasenpflaster und Wanderwolle – und taste dich übers Wochenende oder verlängerte Wochenende etappenweise an längere Strecken heran.

next Level

Geh einmal den portugiesischen Weg in rund zwei Wochen bis Santiago de Compostela – allein oder mit Begleitung, mit genug Offenheit, dass jeder seinen eigenen Rhythmus findet und ein Abbruch jederzeit möglich bleibt.

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Häufige Fragen

Wie viel sollte mein Rucksack auf dem Jakobsweg wiegen?

Nicola empfiehlt, bei rund 10 Kilo zu bleiben. Alles, was du mitnimmst, muss von Schultern und Füssen getragen werden – und Kilometer für Kilometer merkst du jedes Gramm zu viel. Nimm bewusst einen kleinen Rucksack, damit du gar nicht erst zu viel einpackst. Wichtige Stücke sind ein warmer Schlafsack, zwei Wandermonturen und gute Schuhe.

Welcher Jakobsweg eignet sich für Einsteiger?

Der portugiesische Weg ist gut für Einsteiger:innen geeignet, vor allem für Flachländer:innen. Er ist inklusive An- und Abreise in zwei Wochen machbar, hat moderate Höhenmeter und man kann jederzeit per Bus oder Taxi abbrechen. Wege im Norden wie der Primitivo oder der Inglés bedeuten teils über 500 Höhenmeter täglich und sind anspruchsvoller.

Was hilft gegen Blasen beim Wandern?

Gute Blasenpflaster helfen schon viel, aber Nicolas absoluter Topfavorit ist Wanderwolle (Schuhwolle). Du legst sie in den Schuh oder die Socke, dort gleicht sie sich an deinen Fuss an, sodass die Reibung zwischen Wolle und Socke stattfindet statt an deiner Haut. Doppelte Socken können zusätzlich helfen, verhindern Blasen aber nicht garantiert.

Wie regeneriert der Körper beim mehrtägigen Wandern?

Erstaunlich gut. Nicola dachte nach ihrem schwersten Tag 8, sie müsse abbrechen – am nächsten Morgen war die Blase ausgetrocknet und das Knie wieder in Ordnung. Eine Nacht Schlaf kann sehr viel reparieren. Wichtig ist, sich nicht zu übernehmen, denn Überlastung zeigt sich abends als Knie- oder Gelenkschmerzen.

Muss man religiös sein, um den Jakobsweg zu gehen?

Nein. Man muss keinen religiösen Anspruch haben, um zu spüren, dass die Gedanken nach etwa einer Woche anders zu fliessen beginnen. Der Weg, die Natur und die Pilgergemeinschaft schenken Kraft und Glücksmomente unabhängig vom Glauben. Zertifikat und Pilgermesse stehen offen, sind aber kein Muss – für viele zählt vor allem das Erlebnis und das Ankommen am Ziel.

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