Fussgesundheit & Barfusslaufen: Wie dich deine Füsse bis 100+ tragen
Folge #19 · mit Prof. Dr. Astrid Zech
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Das Wichtigste in Kürze
- Vier von fünf Deutschen tragen das falsche Schuhwerk – und jede:r Dritte hat nach längerem Gehen oder Stehen Fussschmerzen.
- 80 % aller Menschen erleiden irgendwann in ihrem Leben eine Sprunggelenkdistorsion (Umknicken) – die Füsse müssen enorme Kräfte abfangen.
- Barfussaufwachsen bringt messbare Vorteile: In einer Studie mit 1000 Kindern (6–18 Jahre) hatten Barfusskinder höhere Fussgewölbe, breitere Füsse und besseres Balancieren – am stärksten in der jüngsten Gruppe.
- Barfusslaufen und minimalistische Schuhe trainieren die Fussmuskeln – jeder feste Schuh wirkt wie ein Korsett, das den Muskel arbeitslos macht.
- Es gibt nicht den einen richtigen Schuh: Jeder Fuss ist anders – wichtig ist, das zu tragen, worin du dich wohlfühlst, und immer wieder zu wechseln.
- Der wichtigste Tipp lautet: in Bewegung bleiben, nicht sitzen – das hält die Füsse (und laut Folge #11 auch den Kopf) gesund.
Die meisten von uns kümmern sich erst um ihre Füsse, wenn es zwickt, brennt oder schmerzt – dabei tragen sie uns ein Leben lang. In dieser Folge spricht Nicola mit Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Astrid Zech von der Universität Hamburg über Barfusslaufen, das richtige Schuhwerk und das, was wissenschaftlich wirklich nachgewiesen ist. Du erfährst, warum Barfussaufwachsen Kindern messbar nützt, ob Barfussschuhe etwas taugen – und mit welchen drei einfachen Übungen du deine Fussgesundheit in den Alltag einbaust.
Warum sind unsere Füsse so wichtig – und warum vernachlässigen wir sie?
Die Füsse tragen täglich das ganze Körpergewicht – beim Laufen oder Springen sogar ein Mehrfaches davon, das sie als allererstes abfangen müssen. Man unterscheidet das Fussgelenk mit seinen vielen kleinen Knöchelchen, die bei der Abrollbewegung zusammenarbeiten, und darüber das Sprunggelenk, das viel von der Balancekontrolle übernimmt – und gerne mal umknickt.
Wie belastend das ist, zeigt eine Zahl: Die Lebensprävalenz von Sprunggelenkdistorsionen liegt bei 80 Prozent – vier von fünf Menschen knicken irgendwann einmal um. Trotzdem vernachlässigen wir die Füsse gern, weil sie am weitesten von unserem visuellen System entfernt und damit im Alltag selten präsent sind.
Was bringt Barfusslaufen wirklich?
Barfusslaufen ist unser natürliches Laufen – ursprünglich waren die Füsse genau dafür gemacht. Schuhe wurden erst zum Schutz vor Witterung und Geröll entwickelt, nicht zum besseren Laufen. In den westlichen Ländern gewöhnen wir uns aber von Kindesbeinen an Schuhe und verlernen das Barfusslaufen ein Stück weit.
Weil barfussaufwachsende Kinder in Deutschland kaum zu finden sind, hat Prof. Zech in Südafrika geforscht. In einer Studie mit insgesamt 1000 Kindern von 6 bis 18 Jahren zeigten sich klare Vorteile fürs Barfussaufwachsen – am grössten in der jüngsten Gruppe:
- Gesündere Fussstruktur: etwas höheres Fussgewölbe (weniger flache Füsse) und breitere Füsse, die sich mehr entfalten konnten.
- Bessere Motorik: vor allem beim Balancieren und bei Sprungtests schnitten die Barfusskinder besser ab.
- Mutigere Laufstrategie: Barfusskinder trauen sich eher, mit der Ferse aufzusetzen.
Lohnt sich Barfusslaufen auch noch in höherem Alter?
Ja – es bringt tatsächlich etwas. Über die Haut nehmen wir das haptische, taktile Gefühl wahr; Rasen, Sand oder kleine Steine zu spüren tut dem Wohlbefinden gut. Zudem lassen sich Fussgewölbe und die kleinen Fussmuskeln trainieren, weil ohne stützendes Schuh-Korsett der Muskel wieder arbeiten muss.
Wichtig ist aber ein gradueller Übergang: Weil die gesamte Sehnen-Muskel-Struktur ans Schuhlaufen gewöhnt ist, sollte man die tägliche Barfusszeit langsam steigern – auch die Hornhaut muss sich erst entwickeln. Bei Erkrankungen wie einem diabetischen Fuss ist besondere Vorsicht geboten.
Sind Barfussschuhe eine gute Alternative?
Barfussschuhe – auch minimalistische Schuhe genannt – zeichnen sich durch drei Eigenschaften aus: keine Dämpfung, kein Höhenabfall im Schuh (gradlinig) und sehr leicht. Erfüllt ein Schuh diese Kriterien, passt die Definition. In biomechanischen Analysen bei Kindern, Erwachsenen und sogar Senioren zeigte sich ein Übergang zum barfussähnlichen Laufen – allerdings nicht komplett: Echtes Barfusslaufen lässt sich nicht vollständig ersetzen.
Vorsicht ist bei sportlicher Bewegung geboten: Bei schnellen Richtungswechseln oder Seitausfallschritten (etwa Tennis oder Fussball) liefern Barfussschuhe wenig Stabilität und man rutscht eher weg. Fürs Wandern in unwegsamem Gelände sind sie nicht ohne Weiteres zu empfehlen – hier schützen und stabilisieren feste, höher geschnittene Wanderschuhe besser.
Welches Schuhwerk ist gut für die Füsse – und ist Dämpfung sinnvoll?
Den Fuss in einen vorne spitz zulaufenden High Heel zu packen ist nicht gesund. In den 1980ern trugen viele fast nur High Heels – mit der Folge verkürzter Achillessehnen, sodass das Laufen in flachen Schuhen kaum noch ging. Der Trend hin zu Sneakers ist aus Sicht der Fussgesundheit also klar zu begrüssen: Mehr Freiraum für die Füsse tut gut.
Beim Thema Dämpfung gibt es keine eindeutige Empfehlung. Biomechanisch besteht das Bedürfnis, die Dämpfung gering zu halten – beim Barfusslaufen produzieren wir durch vorsichtigeres Laufen sogar geringere Vertikalkräfte. Ein Zusammenhang zwischen Dämpfung und Verletzungen liess sich aber nicht nachweisen. Die Kernbotschaft: Jeder Fuss ist anders – trage, worin du dich wohlfühlst, und wechsle immer wieder ab, damit sich der Fuss nicht an eine einzige Haltung gewöhnt.
Was tut den Füssen sonst noch gut – Massage, Dehnen, Faszienrolle?
Gegen Achillessehnen-Beschwerden ist exzentrisches Training evidenzbasiert wirksam: Auf einer Treppe oder Leiter die Ferse weiter herunterbewegen als den Vorfuss dehnt die Achillessehne und arbeitet Schmerzen heraus. Leichte Bewegungen und Stretching helfen ebenfalls.
Für die Faszienrolle gibt es keine echte Evidenz zur Schmerzprävention – aber auch keinen negativen Effekt; wem sie hilft, kann sie nutzen. Ähnlich bei Fussmassagen: ein schönes Wellness-Erlebnis für die Durchblutung, ohne über die Gesamtbevölkerung belegbare Effekte – wem es guttut, soll es geniessen. Gegen Muskelkrämpfe ist übrigens Gurkenwasser (aus eingelegten Gurken, wegen der Elektrolyte) evidenzbasiert präventiv wirksam.
Wichtig: Beim Wechsel zum Barfuss- oder Minimalschuh-Laufen unbedingt einen graduellen Übergang wählen und die tägliche Zeit langsam steigern – die Sehnen-, Muskel- und Hautstrukturen müssen sich erst anpassen. Bei Erkrankungen wie einem diabetischen Fuss ist besondere Vorsicht nötig, hier ist Barfusslaufen nicht ohne Weiteres zu empfehlen. Wer auf hohe Stabilität angewiesen ist (z. B. auf instabilen Treppen oder in unwegsamem Gelände), greift besser zum gewohnten, festen Schuhwerk. Bei bestehenden Fussfehlstellungen oder anhaltenden Schmerzen ärztlich abklären lassen.
Der 100+ Expertentipp
Auf Nicolas Standardfrage nach der einen Massnahme für mehr Lebensqualität bis ins hohe Alter antwortet Prof. Zech ganz schlicht:
„Es muss gar nicht immer unbedingt Sport sein, sondern Bewegung an sich – einfach nicht zu sitzen.“
Nicolas Selbsttest
Jeder muss für sich den Schuh finden, der zu seinem Fuss passt. Vor 20 Jahren bin ich morgens in High Heels durch die Flure gejoggt – heute kann ich mir das überhaupt nicht mehr vorstellen. Ich möchte einfach nicht mehr in Schuhen, in denen ich mich nicht sicher fühle, meinen Alltag verbringen. Und so beruhigend ist die Nachricht von Frau Prof. Zech: Zieh an, worin du dich wohlfühlst – und wechsle am besten immer wieder mal.
Das mit dem Barfusslaufen fand ich richtig spannend. Wer mir auf den sozialen Kanälen folgt, weiss, dass ich gern meine Schuhe ausziehe und über Rasen, Waldboden oder durchs kalte Wasser laufe. Jetzt freut es mich umso mehr, dass das auch nachweislich der Fussgesundheit guttut. Manchmal kribbelt es nach spitzen Steinen sogar im ganzen Körper bis nach oben – ist ja der Hammer, was der Fuss da alles koordiniert, ganz ohne Umweg übers Gehirn.
Ich habe mir drei Übungen für den Alltag vorgenommen: morgens beim Aufstehen das Fusskreiseln, tagsüber an der Bushaltestelle die Fussschaukel und abends auf der Couch eine kleine Fusssohlenmassage mit der Bierflasche. So einfach ist es, Fussgesundheit einzubauen – vielleicht nicht jeden Tag, aber wie beim Zähneputzen immer wieder mal an unsere treuen Lebensbegleiter zu denken.
Vom Wissen ins Machen: deine 3 Stufen
Morgens an der Bettkante das Fusskreiseln: Den grossen Zeh als Fixpunkt nehmen und mit beiden Füssen möglichst grosse Kreise machen – das bringt Flexibilität in Fuss- und Sprunggelenke und macht trittfester.
Wartezeiten nutzen und an Bushaltestelle oder Bahn die Fussschaukel machen: hoch auf die Zehenspitzen, zurück auf die Ferse – schult Gleichgewicht und Balance (am besten irgendwo festhalten). Zuhause mit mehr Barfuss- bzw. Sockenlaufen koppeln.
Mehr echtes Barfusslaufen auf wechselnden Oberflächen (Rasen, Waldboden, Steine) und ggf. minimalistische Barfussschuhe ausprobieren – immer mit graduellem Übergang. Abends zur Entspannung die Fusssohlenmassage mit Faszienrolle oder Flasche.
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Häufige Fragen
Ist Barfusslaufen gesund für die Füsse?
Ja, Barfusslaufen gilt als unser natürliches Laufen und bringt nachweislich Vorteile. In einer Studie mit 1000 Kindern hatten barfussaufwachsende Kinder höhere Fussgewölbe, breitere Füsse und besseres Balancieren. Auch im höheren Alter lassen sich Fussgewölbe und kleine Fussmuskeln trainieren. Wichtig ist ein langsamer, gradueller Übergang, damit sich Sehnen, Muskeln und Hornhaut anpassen können.
Sind Barfussschuhe sinnvoll?
Barfussschuhe (minimalistische Schuhe) haben keine Dämpfung, keinen Höhenabfall im Schuh und sind sehr leicht. Sie nähern das Gehen dem Barfusslaufen an und helfen, die Fussmuskeln zu stärken, ersetzen echtes Barfusslaufen aber nicht komplett. Vorsicht ist bei schnellen Richtungswechseln im Sport und beim Wandern in unwegsamem Gelände geboten, da sie wenig Stabilität bieten. Auch hier gilt: gradueller Übergang.
Welche Schuhe sind am besten für die Fussgesundheit?
Es gibt nicht den einen richtigen Schuh – jeder Fuss ist anders aufgestellt. Wichtig ist, dass der Schuh bequem ist und dem Fuss Freiraum lässt; vorne spitz zulaufende High Heels sind ungesund und können langfristig die Achillessehne verkürzen. Ein Zusammenhang zwischen Dämpfung und Verletzungen ist nicht nachgewiesen. Die beste Strategie ist, das zu tragen, worin man sich wohlfühlt, und immer wieder zu wechseln.
Welche Übungen halten die Füsse fit?
Drei einfache Übungen lassen sich gut in den Alltag einbauen: das Fusskreiseln (grosse Kreise um den grossen Zeh) für Flexibilität, die Fussschaukel (Wippen von Zehenspitzen auf die Ferse) für Gleichgewicht und die Fusssohlenmassage mit Faszienrolle oder Flasche. Bei Achillessehnen-Beschwerden ist exzentrisches Training auf der Treppe evidenzbasiert wirksam.
Helfen Fussmassagen wirklich?
Fussmassagen sind ein angenehmes Wellness-Erlebnis und regen die Durchblutung an. Echte, über die Gesamtbevölkerung belegbare Effekte sind aber nicht nachgewiesen – die positiven Wirkungen werden meist subjektiv berichtet. Wem es guttut, kann sie bedenkenlos nutzen. Gegen Muskelkrämpfe in den Füssen ist hingegen Gurkenwasser wegen der enthaltenen Elektrolyte evidenzbasiert präventiv wirksam.
Und so wird mein Weg auch zu deinem Weg:

